Buchtipp
Markus Orths: Lehrerzimmer
Ein Schulroman, der sich satirisch dem Schrecken des Lehrerdaseins widmet. Mit rasendem Sarkasmus wirft Markus Orths dem Leser den Schulbetrieb zum Fraß vor.
Das ist eine Geschichte, die sich Loriot und Kafka gemeinsam hätten ausdenken können: Eine lachmuskelstrapazierende Satire, in der die Schule als Ort undurchschaubarer, absurder und zugleich bedrohlicher Regeln erscheint. Erzählt werden die ersten fünf Schul-Tage des Studienassessors Kranich an einem Baden-Württembergischen Gymnasium, die, das weiß er noch nicht, zugleich seine letzten dort sind.
Doch noch vor dem Betreten des heiß begehrten Arbeitsplatzes, steht das qualvolle Warten auf die telefonische Zusage des Oberschulamtes. Genüsslich breitet Markus Orths diese slapstickartige Szene über mehrere Seiten aus. Es soll tatsächlich Fälle gegeben haben, so versichert der Autor, bei denen Anwärter, die zum Zeitpunkt des Anrufes nicht erreichbar waren, auf der Einstellungsliste übergangen wurden.
Kreisdiskussionen und Stammtischrevolutionäre
Nun, sein Held Kranich hat es geschafft. Doch schon während des Einstellungsgespräches mit Direktor Höllinger - Nomen est en - merkt dieser, dass alles in die falsche Richtung läuft. Er wohne nicht am Dienstort? Nicht mehr korrigierbarer Fehler! Er wisse nicht, dass ab sofort jeder seiner Schritte beobachtet und regelmäßig beurteilt würde? Von ihm, dem Schulleiter persönlich? Unverzeihliche Ignoranz! Mit zynischer Offenheit weiht Höllinger ihn schließlich in die Geheimnisse des Schullebens ein - nämlich die vier Säulen, auf die sich das System stützt: Angst, Jammer, Schein und Lüge!
Wie das zutrifft, merkt Kranich bei der Begegnung mit dem Lehrerkollegium sofort: eine Ansammlung höchst bizarrer Typen, geübt in sogenannten "Kreisdiskussionen" - Ende gleich Anfang und Ende gleich Ratlosigkeit -verbeamtete Rädchen im Getriebe, geprägt von der Angst vor den allgegenwärtigen Spitzeln des Direktors, Kollegen allesamt. Selbst die schulinterne Opposition entpuppt sich schnell als Gruppe verbalradikaler Stammtischrevolutionäre.
Schüler als marginale Wesen
Auch Orths jämmerlich-komischer Held Kranich ist Passagier auf diesem Narrenschiff Schule. Auch er ist Opportunist genug, um sich in das Spitzelsystem des Direktors einbinden zu lassen - bis es am Ende zum Eklat kommt und Kranich es scheinbar schafft, sich zu befreien.
Orths konnte mit seiner Groteske, die die Wirklichkeit bis zur Kenntlichkeit verzerrt, aus dem Vollen schöpfen. Bevor er mit seinem Roman "Corpus" und dem Erzählband "Wer geht wo hinterm Sarg" ins Schriftstellerfach wechselte, hat er selbst als Englischlehrer gearbeitet. Auch dass die Schüler in "Lehrerzimmer" nur am Rande vorkommen, ist keine zufällige Ähnlichkeit mit dem wirklichen Leben, sondern beabsichtigt.
Weitere Schlagzeilen
Das Buch Kompakt
- Markus Orths: Lehrerzimmer
- Verlag: Schöffling, 2004
- ISBN: 3-89561-096-8
- Preis (EURO): 8.95



