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Alltagsdeutsch | 13.05.2008

Sonntag

Früher gingen die Männer am Sonntag zum Frühschoppen, und die Frauen bereiteten den Braten vor. Nach dem Essen machte es sich die Familie bei Kaffee und Kuchen in der guten Stube gemütlich. Heute hat sich das geändert.

Lied: Am Sonntag will mein Süßer mit mir Segeln geh’n

 

Sprecherin:

Segeln ist zwar nicht die häufigste Sonntagsbeschäftigung der Deutschen, aber der Schlager bringt etwas Grundlegendes zum Ausdruck: mit dem Sonntag verbinden sich die angenehmsten Gedanken, er ist für die meisten Deutschen der schönste Tag in der Woche. Frei vom Reglement des Arbeitsalltags sind die Menschen frei für Familie und Freizeit.

 

Umfrage:

"Jeder kann mal so richtig machen, was er will. Ich find' das schön. / Gemütliches Frühstücken, lange schlafen, ja und wenn die Sonne scheint, wir haben 'nen Schrebergarten, da halten wir uns sehr viel auf. / Sonntag ist der Tag, wo ich meistens mit den Kindern und Enkelchen spazieren gehe, nicht den ganzen Tag, aber einige Stunden. Viel lesen, wenig Fernsehen gucken. Feiertag und Familie sind doch irgendwie ineinander verbunden, weil man dann einmal den Schritt machen kann, weg von den Gedanken der Arbeit und des üblichen Alltags hin zu der gemütlichen Stunde mit der Familie."

 

Sprecherin:

Die Beliebtheit des Sonntags ist geblieben. Die Art und Weise jedoch, wie die Deutschen ihren Sonntag verbringen, hat sich deutlich verändert. Professor Erwin Scheuch, Soziologe und Freizeitforscher aus Köln:

 

Erwin Scheuch:

"Das klassische deutsche Wochenende war modelliert am Sonntag auf dem Lande. Da war das auch am genausten ritualisiert. Von dem Kirchgang, für den eine bestimmte Kleidung erwartet wurde, bis über den Frühschoppen bis zum Sonntagsbraten und dann den Besuch der Tanten und Onkel für Kaffee, Kuchen. Das ist auch auf dem Lande heute kaum noch so anzutreffen. Was ist sonst deutsch gewesen? Ja nun, früher wurde der Sonntag, wenn denn schon im Hause, dann in einem besonderen Raum verbracht, der guten Stube."

 

Sprecher:

Die gute Stube war in der Tat ein besonderer Raum. Klischeehaft stand sie für den Geschmack des deutschen Kleinbürgers und seiner Ordnungsvorstellung im Privatleben. Die gute Stube war immer gepflegt und wurde fast nie betreten, außer am Sonntag eben oder wenn man bei einem Besuch einen guten Eindruck hinterlassen wollte. Auf dem Sofa lagen sorgfältig in der Mitte eingeschlagene Kissen, über dem Sofa hing das Bild mit Landschaftsmotiv, allen voran der legendäre röhrende Hirsch. Spitzendeckchen verzierten Tisch und Blumenbänke. All das ist selten geworden. Der Begriff "gute Stube" aber lebt durchaus weiter. "Immer hinein in die gute Stube" wird beim Empfang von Freunden oder Gästen oft als Willkommensformel gebraucht und bedeutet nicht mehr als eine freundliche Aufforderung, doch bitte einzutreten. Der Begriff "gute Stube" ist deshalb häufiger anzutreffen als die gute Stube selbst. Und wie sieht das beim Sonntagsbraten aus?

 

Umfrage:

"Ohne Sonntagsbraten leben wir nicht. Abwechselnd Sauerbraten, Rindfleisch, Schweinefleisch. Von der Zeit an, wo unser Jahrgang mal wieder satt geworden ist. / Das erinnert mich immer so an meine Kindheit. Man wachte morgens auf, und der Braten war schon im Ofen, und das ganze Haus stank nach Braten."

 

Sprecherin:

Der Sonntagsbraten trifft auf geteilte Meinungen. Aber immerhin gibt es ihn noch in vielen Familien, und auch die meisten ländlichen Ausflugslokale bieten mehr deftige Sonntagsbraten als moderne leichte Kost. Der Sonntagsbraten hat also, zumindest teilweise, überlebt. Im Unterschied zum Sonntagsstaat, der gepflegten Kleidung für den Kirchgang und den Auftritt in der Öffentlichkeit. Nur noch knapp fünfzig Prozent der Deutschen kleiden sich sonntags besser als werktags. Professor Gottfried Korff, Volkskundler aus Tübingen:

 

Gottfried Korff:

"Insgesamt sind die Verhaltensweisen sehr viel freier, offener und flexibler geworden. Feste Verhaltensregeln für den Sonntag, wie man das noch vor einer Generation, also noch bis in die Mitte der 60er Jahre hinein kannte, lassen sich heute nicht mehr so ohne weiteres feststellen. Das sieht man vor allem auch an der Kleidung. Die Kleidung ist nicht mehr sonntäglich, sondern sie ist freizeitlich, weil überhaupt die Freizeit eine größere Rolle spielt."

 

Sprecherin:

Auch für Gottfried Korff gehört das Meiste vom typisch deutschen Sonntag der Vergangenheit an. Dennoch gibt es etwas, das sich bis heute gehalten hat.

 

Gottfried Korff:

"Es gibt so etwas wie einen deutschen Sonntag. Der deutsche Sonntag ist insbesondere der Gemütlichkeit verpflichtet oder war das jedenfalls lange. Sonntag ist der Tag, den man in der Familie begeht, an dem man den berühmten Sonntagsspaziergang in der ganzen Familie durchführt, an dem man nachmittags zusammen Kaffee trinkt. Am Sonntag gibt's den berühmten Sonntagsbraten. Es gibt also eine ganze Menge von Sachen, die den Sonntag auszeichnen, und dazu gehört in Deutschland eben das, was man die deutsche Gemütlichkeit nennt."

 

Sprecher:

Das Wort Gemütlichkeit findet man in kaum einer anderen Sprache wieder. Es beschreibt nicht eine bestimmte Sache oder Tätigkeit, sondern bringt eine Stimmung zum Ausdruck. Unsere Reporterin hat Menschen auf der Straße nach ihrer Vorstellung von sonntäglicher Gemütlichkeit gefragt.

 

Umfrage:

"Einen Rahmen suchen, in dem man sich sehr wohl fühlt. / Gemütliche Stimmung, das hieß bei uns früher, sich um vier Uhr hinsetzen, bisschen Kaffee trinken und ein Stückchen Kuchen essen dann. Das war die Gemütlichkeit und die Unterhaltung auch."

 

Sprecher:

Gemütlich kann der stille Genuss von Kaffee und Zeitung am Kamin sein oder die ausgelassene Gesellschaft in einem Lokal. Gemütlichkeit ist der Ausdruck eines bestimmten Wohlbefindens, und manchmal ruft der Begriff auch Vorstellungen von Naivität und Biederkeit hervor. Gemütlich ist ein viel gebrauchter Begriff, aber kein sehr eindeutiger.

 

Sprecherin:

Gemütlich fanden früher sicher auch viele den Frühschoppen. Doch auch der ist deutlich vom Verfall bedroht. Kaum mehr als fünf bis sechs Prozent der Deutschen gehen dieser Gewohnheit noch nach, mit fallender Tendenz.

 

Umfrage:

"Mittlerweile geht das, glaube ich, mit dem Frühschoppen auch zurück. Also ich kenn' keinen Bekanntenkreis, der sonntags sich in die Kneipe stellt, also absolut nicht. Da könnte ich Freibier kriegen, da würde ich das nicht tun. / Eigentlich nein, bei mir nicht. Nein, kein Frühschoppen. / Ich kenne also viele Leute, die das machen, die anstatt Kirchgang zum Frühschoppen gehen, früher wurde das ja verbunden, aber für mich kein Thema."

 

Sprecher:

Der Frühschoppen war früher eine feste Einrichtung im Sonntagmorgen der Männer. Während die Frauen den Sonntagsbraten vorbereiteten, saßen ihre Männer in der Gastwirtschaft beim Schoppen, dem geschöpften Viertelliter Wein oder Bier. Und sie machten es sich natürlich, na, Sie wissen schon, gemütlich.

 

Sprecherin:

Am stärksten gewandelt hat sich die Einstellung zur Kirche. Weit abgeschlagen nach Ausschlafen, Sonntagsausflug, Essen gehen und Sport treiben taucht auf der Beliebtheitsskala der Sonntagsgewohnheiten der Gottesdienst auf. Dr. Heiner Koch, Leiter der Seelsorge im Erzbistum Köln.

 

Heiner Koch:

"Im Erzbistum Köln besuchen heute sonntags vielleicht 10 Prozent der Mitglieder der katholischen Kirche ihre Gottesdienste. Allerdings ist es natürlich eine relativ große Zahl, die alle 14 Tage oder einmal im Monat in den Gottesdienst geht oder eben an besonderen Tagen, die sich nicht nur auf Weihnachten beziehenden, aber zum Beispiel auf Ostern, Pfingsten etc. Sicherlich ist das ein erheblicher Rückgang, wenn man dran denkt, dass noch nach dem Krieg 40 bis 50 Prozent den Gottesdienst, den regelmäßigen sonntäglichen Gottesdienstbesuch verfolgt haben. Aber andere Gruppierungen wären froh, wenn sie schon allein zum Beispiel am ersten Mai solch eine Zahl auf die Beine bringen würden."

 

Sprecher:

Die Kirche, vor allem die katholische Kirche, bringt immer noch eine Menge Leute auf die Beine. Sie schafft es, noch viele Menschen zum Kirchgang zu bewegen. Eine ganz ähnliche sprachliche Formel, nämlich "etwas auf die Beine stellen", hat eine weiterreichende Bedeutung. Wenn man etwas auf die Beine gestellt hat, bezieht sich das meistens auf materiellen Erfolg, ein Haus, berufliche Karriere und ein gutes Einkommen. Wenn jemand etwas auf die Beine gestellt hat, hat er etwas erreicht im Leben. Wenn jemand Menschen auf die Beine bringt, hat er Menschen für eine Sache eingenommen.

 

Sprecherin:

Die geringe Zahl katholischer Gottesdienstbesucher wird auch durch die evangelischen Kirchgänger nicht wesentlich größer. Auch meine Straßengespräche ergaben da kein besseres Ergebnis.

 

Umfrage:

"Mein Sohn ist letzte Woche erst getauft worden, aber jetzt eigentlich ist die Kirche erstmal für ein paar Monate out. / Ne, überhaupt nicht. Als Kind schon, da musste ich gezwungenermaßen so in die Kirche gehen, aber danach nicht mehr so. / Man kann auch so an Gott glauben, man muss nicht jeden Sonntag in die Kirche dafür gehen, ne?"

 

Sprecherin:

Neben dem Glauben an Gott kamen dem Kirchgang auch ganz andere Bedeutungen zu. Sehen und gesehen werden, hieß die Devise und das bedeutete oft strengen sozialen Zwang. Andererseits war das regelmäßige Zusammenkommen aber auch in positiver Weise gemeinschaftsstiftend. Besonders diese Praxis muss nach Meinung von Dr. Heiner Koch neu belebt werden, ob christlich oder anders.

 

Heiner Koch:

"Ich denke, dass es auch für eine Gesellschaft wichtig ist, dass sie zum einen Punkte hat, an denen sie gemeinsam etwas tut, b) dass es auch Tage gibt, die einen gewissen feierlichen, festlichen und auch besinnlichen Akzent haben. Dieser Aspekt – feierlich, festlich, besinnlich – scheint mir für alle Menschen wichtig zu sein, auch wenn sie nicht Christen sind. Insofern glaube ich, hat der Sonntag für viele Menschen heute – über den Wert einer freien Zeit hinaus – immer noch eine große Lebensbedeutsamkeit."

 

Sprecherin:

Kirchgang ist aus der Mode geraten, er ist out, aber was ist in? Hier herrscht allgemeine Unübersichtlichkeit. Die Statistik klärt auf, dass das Wichtigste am Sonntag das gründliche Ausschlafen ist. Danach kommen Körperpflege, Haus- und Küchenarbeiten und endlich der Sonntagsausflug. Den gibt es klassisch: zum nächsten Baggersee oder Tierpark und auch etwas professioneller. Professor Erwin Scheuch:

 

Erwin Scheuch:

"Hinzu kommt aber in zunehmendem Maße Kurzferien und Kurzreisen. Man sieht sich ein Stück Landschaft oder eine andere Stadt an. Dem kommt dann auch inzwischen der Kommerz entgegen, der verbilligte Wochenendtarife anbietet für Hotels und für den Transport, also die Bereitschaft ankurbelt, einmal die Tapeten zu wechseln, zusätzlich also zu dem langen Urlaub, der immer noch in erster Linie ein Urlaub mit Familie ist, dann die recht individualistischen Kurzreisen."

 

Sprecher:

Wer wechselt sie nicht gerne, die Tapeten. Natürlich auch die in der Wohnung. Aber eine Renovierung ist mit dieser Formulierung nicht gemeint, sondern ganz einfach der Ortswechsel. Und eines ist ja ziemlich sicher: egal, ob Hotel, Pension oder Jugendherberge am Ferienort benutzt werden, andere Tapeten haben die sicher. Günstige Preise sollen die Bereitschaft ankurbeln, am Wochenende zu verreisen. Das bildhafte Wort ankurbeln stammt aus der Zeit, in der man die Autos noch mit einer Kurbel zum Laufen bringen musste. Im Zeitalter der Elektrostarter wird nur noch sprachlich angekurbelt, das jedoch häufig und gern. Politiker wollen meist die Konjunktur ankurbeln und Händler kurbeln ihr Geschäft an.

 

Sprecherin:

Einen Punkt der Statistik wollen wir nicht unterschlagen. Der Sonntag ist nach wie vor der wichtigste Familientag. Ansonsten gibt es heute kaum noch einen Nenner. Zwar lassen sich jedes Jahr Trends zu bestimmten Sportarten feststellen, mal mehr Geländefahrrad, mal mehr Surfen, im Wesentlichen aber ist nur eines festzustellen: Der deutsche Sonntag wird immer vielfältiger, allerdings ohne Auswirkungen auf die Sonntagslaune.

  

 

Fragen zum Text

 

Als Sonntagsbraten bezeichnet man …

1.      das Stück Fleisch, das am Sonntag gegessen wird.

2.      ein freches Kind.

3.      das lange Ausschlafen am Sonntag.

 

Früher war die gute Stube ein Raum, …

1.      der nur zu besonderen Anlässen oder am Sonntag genutzt wurde.

2.      in dem der Sonntagsbraten zubereitet wurde.

3.      in dem die Kinder spielen durften.

 

Wer einen Tapetenwechsel braucht, …

1.      will seine Wohnung renovieren.

2.      will raus aus der gewohnten Umgebung und etwas Neues sehen.

3.      will am Sonntag arbeiten.

 

Arbeitsauftrag

Wie verbringen Sie einen freien Tag am liebsten? Schreiben Sie sich Stichworte auf und halten Sie einen kurzen Vortrag vor Ihrer Klasse.

 

Günther Birkenstock



 
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