Buchtipp
Charles Kupchan: Die europäische Herausforderung
Washington hat einen Kurs eingeschlagen, der das Ende des amerikanischen Zeitalters heraufbeschwört - meint der Politikwissenschaftler Charles Kupchan. Allein Europa sei in der Lage, ein wirksames Gegengewicht zu bilden.
Kein Staat hat solch eine wirtschaftliche, militärische und politische Macht wie die Vereinigten Staaten. Doch was folgt? Wird sich die letzte verbliebene Weltmacht auf ewig als neues römisches Imperium manifestieren oder bröckelt die Macht in Wirklichkeit schon dahin? In seinem neuen Buch "Die europäische Herausforderung" entwirft der Politikwissenschaftler Charles Kupchan folgendes Szenario: Nicht die USA, nicht der Gegensatz zwischen dem Westen und der muslimischen Welt wird in Zukunft die Weltpolitik bestimmen, sondern die Auseinandersetzung mit einem aufstrebendem Europa:
"Jetzt schwindet die Asymmetrie zwischen den Vereinigten Staaten und Europa... Nordamerika und Europa werden in Zukunft wahrscheinlich einen Kampf um Status, Besitz und Macht aufnehmen, der schon immer zur menschlichen Existenz gehörte."
Plädoyer für "strategische Zurückhaltung"
Dies klingt zunächst bedrohlich, doch der ehemalige Clinton-Berater für Europa sieht darin auch eine Chance. Diese müsse aber auch genutzt werden: Für Kupchan fehlt der US-Außenpolitik die "Großen Strategie". Die sei für die Außenpolitik so wichtig wie die Statik bei der Planung eines Hauses. Ohne "Große Strategie" sei die Gefahr groß, dass die USA sich im Bewusstsein ihrer allgegenwärtigen Stärke aus der Weltpolitik zurückziehen.
Alleingänge wie im Irak oder die offene Missachtung der UNO entfremden die USA von den anderen Mächten - am ehesten von dem befreundeten Europa. Kupchan zieht historische Parallelen, um seine Thesen zu stützen: Wie sich einst die USA vom britischen Empire trennten, so würde sich Europa zwangsläufig in Zukunft von den USA emanzipieren. Für Kupchan ist das Ende der unipolaren Welt zwangsläufig - die USA sind in seinen Worten nicht mehr der einzige Boxer im Ring. Die multipolare Welt der verschiedenen Machtzentren muss gestaltet werden. Kupchan empfiehlt das Mittel der "strategischen Zurückhaltung":
"Amerika hat heute keinen großen Feind. Stattdessen sieht sich Amerika mit einer Reihe potenzieller Herausforderer konfrontiert, deren Ziele noch unklar sind. Die Vereinigten Staaten haben daher die seltene Gelegenheit, diese Ziele positiv zu beeinflussen. In diesem Kontext heißt strategische Zurückhaltung Boden aufzugeben, um Boden zu gewinnen, weniger Macht auszuüben und dadurch paradoxerweise mehr Einfluss zu erlangen."
Perspektiven für die europäische Einigung
Als ehemaliger Repräsentant der Clinton-Regierung steht Kupchan inzwischen am Rande der US-Außenpolitik, schon alleine deshalb sind seine Ausführungen für europäische Leser fast wohlwollend zu lesen. Wahrscheinlich wird Kupchan diesseits des Atlantiks mehr Gehör finden als bei sich zu Hause. Doch das muss keine Schwäche sein, denn Kupchan entwickelt auch Perspektiven für die europäische Einigung. Für Kupchan gehört es zur europäischen Integration, dass sich die EU eine eigene Armee zulegt und außenpolitisch mit einer Zunge spricht. Kupchan ist ein gut lesbares Buch gelungen, aus dem die Expertise eines Europa-Fachmannes spricht.
Weitere Schlagzeilen
Das Buch Kompakt
- Charles Kupchan: Die europäische Herausforderung
- Verlag: Rowohlt, 2003
- ISBN: 3-87134-483-4
- Preis (EURO): 19.90






