Politik | 05.06.2004
Michael Moore und die neue Streitkultur in den USA
Polarisierende Medien
Doch eine Frage wurde im deutschen Feuilleton nicht gestellt: In welchem Kontext steht Moores Stil? Für eine Antwort muss die amerikanische Medienlandschaft genauer betrachtet werden. Die im Wahljahr 2004 offensichtliche extreme Polarisierung der amerikanischen Politik hat ihre Vorläufer und Protagonisten in den Medien. Die konservative Bewegung, unzufrieden mit der Republikanischen Präsidenschaft Richard Nixons ob ihrer zu großen Akzeptanz des New Deal’schen Wohlfahrtsstaats, setzte in den 1970er und 1980er Jahren auf einen langfristigen Sieg im "Kampf der Ideen".
So wurden zahlreiche Stiftungen gegründet, die wiederum zahlreiche Denkfabriken finanzierten, deren Ergebnisse (oft genug allerdings weniger Resultate von Denken als reine Ideologieprodukte) über ein weit verzweigtes Netzwerk von Medien zur Eroberung des amerikanischen Äquivalents von "Stammtischhoheit" dienten.
Demagogische Hetze über den Äther
Hier ist vor allem das omnipräsente so genannte Talk Radio zu nennen, in dem über mehrere Stunden jeden Tag in auch von der amerikanischen Meinungsfreiheit nur so gerade noch gedeckten Schärfe gegen alles gehetzt wird, was irgendwie mit der Demokratischen Partei in Verbindung gebracht werden kann, beziehungsweise in der evangelikalen Variante, mit der bedrohlichen Moderne. Also Feministen (die beim erfolgreichsten der Radio-Talker, Rush Limbaugh, zu "Feminazis" wurden), Schwule und Lesben, Umweltschützer, Kriegsgegner,...
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: John Kerry, Präsidentschaftskandidat der DemokratenDer brave John Kerry wird hier nicht nur zum Kommunisten stilisiert, sondern auch mit den islamistischen Terroristen in Verbindung gebracht. Selbstredend sind solche Aussagen nicht von irgendwelcher Faktenkenntnis belastet, sondern werden clever mittels nicht justiziabler Anspielungen unters Volk gebracht: "Steckt John Kerry mit den Terroristen unter einer Decke? Ich behaupte das nicht, aber die Frage muss [nach dem Anschlag in Madrid] gestellt werden!"
Politisches Streiten ohne Kultur und Niveau
Muss man sich auf dieses Niveau politischer Streitkultur einlassen? Nein, das muss man nicht. Aber auch in den USA gibt es genügend Menschen, die sich darüber freuen, wenn sich auch von links mal jemand traut, unzulässig zu vereinfachen, entschlossen anzugreifen, die Lügner bei ihren Lügen und ihrer Heuchelei zu ertappen. Und zwar ohne Hass, sondern mit Humor.
Übrigens: Wer etwas mehr lachen will als bei dem mittlerweile recht verschwörungstheoretisch daherkommenden Moore (obwohl: wer wollte nicht staunen über die dynastischen Elemente der Bush-Regentschaft und die ölgetränkten Familienbande zu diversen Saudis), wird bei Al Franken fündig (mit dem aus inhaltlichen wie Übersetzungsgründen leicht irreführenden Titel: "Kapitale Lügner. Eine faire und ausgewogene Betrachtung von G.W. Bush und seinen Neokonservativen"). Ansonsten: Der Moore hat seine Schuldigkeit noch längst nicht getan.
Dr. Thomas Greven ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin. Er arbeitet zurzeit an einem Buch über die Republikanische Partei in den USA.







