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Welt | 19.06.2004

Bush möchte Reagans Enkel werden

... Wo Reagan Kompromisse auslotete und Platz für schrittweisen Wandel suchte, sieht Bush die Gelegenheit für einen paradigmatischen Richtungswechsel - sei es der Einsatz von Gewalt, um als unrechtmäßig erachtete Regierungen zu stürzen, sei es das Recht auf präventive Militärschläge zur Abwehr terroristischer Angriffe, oder sei es der Umbau des Nahen Ostens. In seinem Buch "A Charge to Keep", das er vor seiner Wahl zum Präsidenten schrieb, erläuterte Bush einige seiner politischen Grundsätze. So glaube er, dass ein Politiker sein politisches Kapital einsetzen sollte, solange er darüber verfüge. Andernfalls verwelke und sterbe es. Er schreibt auch, dass sein Vater dies nach dem ersten Golf-Krieg versäumt habe, und dass er gelernt habe, solche Fehler zu vermeiden. Schließlich erklärt er, sein Glaube gebe ihm die Freiheit "das richtige zu tun, selbst wenn es in Meinungsumfragen schadet".

 

Große Risiken

 

Präsident Bush geht wesentlich größere Risiken ein als sein Vater oder Ronald Reagan. So riskiert er für den Mittleren Osten nicht nur seine Präsidentschaft, sondern auch die ökonomischen und politischen Ressourcen der USA und die Zukunft überhaupt. Bob Woodward diktierte er für dessen Buch "Plan of Attack", dass er keine Zweifel an seinen Entscheidungen habe. Darum ist es unwahrscheinlich, dass eine zweite Amtszeit einen nennenswerten Wandel in seiner Außenpolitik bringen wird, egal ob Colin Powell Außenminister bleibt oder nicht.

 

Sollte Bush diese Gelegenheit nach dem 2. November 2004 erhalten - und der Kongress weiterhin von einer republikanischen Mehrheit dominiert werden -, dann können Deutsche und Amerikaner von ihm eher eine Verstärkung seiner Anstrengung erwarten, große Veränderungen in den verbleibenden vier Jahren herbeizuführen. Das gilt sowohl für die Innen- als auch für die Außenpolitik. Bush strebt Umwälzungen an, die - so sie denn erfolgreich sind - die Welt von Grund auf verändern werden. Ebenso wie Reagans Präsidentschaft die Welt in eine andere verwandelte, als jene, die sie vor seinem Amtsantritt war. Bush kann jedoch auch scheitern - im Inland wie im Ausland. Und zwar wenn er seine Pläne zu aggressiv oder zu schnell umsetzt, oder wenn er ein Erbe hinterlässt, das für jeden Nachfolger eine untragbare Last darstellt. In dem Fall könnte Bushs politisches Kapital schnell vorzeitig erschöpft sein. Welches Schicksal er auch immer vor sich haben mag, es ist unwahrscheinlich, dass er selbst sich ändert, ob er nun in Washington bleibt oder heimkehrt nach Texas.

 

Dr. Jackson Janes ist Executive Director des American Institute for Contemporary German Studies der John Hopkins University in Washington D.C.

 

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