Buchtipp
Agota Kristof: Die Analphabetin
In ihrer autobiografischen Erzählung spricht die 1935 geborene Agota Kristof über ihre Kindheit im stalinistischen Ungarn und ihre Flucht in die französische Schweiz nach dem Volksaufstand 1956.
Schon die ersten zwei Sätze der gebürtigen Ungarin, Agota Kristof, ziehen in den Bann und markieren die Parabel ihrer autobiografischen Erzählung:
Ich lese. Das ist wie eine Krankheit. Ich lese alles, was mir vor die Hände, vor die Augen kommt. Zeitungen, Schulbücher, Plakate, auf der Straße gefundene Zettel, Kochrezepte, Kinderbücher. Alles, was gedruckt ist. Ich bin vier Jahre alt. Der Krieg hat gerade angefangen.
Die Protagonistin wohnt zu jener Zeit in einem ungarischen Dorf, das keine Bahn, keine Elektrizität, kein fließendes Wasser hat, schon gar kein Telefon. Der Vater ist Lehrer. Unterrichtet in einem kleinen Raum, in den alle Jahrgangsstufen brav die Schulbank drücken. Die Mutter ist zu Haus, sorgt sich um die Kinder. Zwei Brüder hat die Ich-Erzählerin.
Lesen - die "unheilbare Krankheit"
Wegen ihrer Leserei, der "unheilbaren Krankheit“, wird sie gehänselt. Sie tue nichts anderes, heißt es, könne sonst auch nichts. Dass sie leidenschaftlich gern Geschichten erfindet, von Guten und Bösen, Siegern und Besiegten, Arm und Reich, würdigt niemand in ihrer Umgebung. Das ändert sich, als sie mit 14 ins Internat geschickt wird - auch wenn das alles andere als eine anheimelnde pädagogische Einrichtung ist.
Im Internat wird um zehn Uhr abends das Licht gelöscht. Eine Aufseherin kontrolliert die Zimmer. Ich lese noch, wenn ich etwas zum Lesen habe, im Licht der Straßenlampe. Und während ich dann unter Tränen einschlafe, bilden sich Sätze in der Nacht. Sie umkreisen mich, flüstern, bekommen einen Rhythmus, Reime, sie singen, werden Gedichte. Gestern war alles schöner. Die Musik in den Bäumen, der Wind in meinem Haar. Und an ausgestreckten Händen die Sonne.
Sketche schreibt sie - über die Lehrer vor allem und führt ihre Sprachspiele mit Freunden aus dem Internat auf. Nicht öffentlich, sondern als fast schon "subversive“ Unterhaltung, indem sie als Gruppe von Zimmer zu Zimmer ziehen und sich für ihre Künste ein bisschen Geld verdienen. Der "größte Lohn“ aber war - so die Autorin - "das Glück, andere zum Lachen zu bringen.“
Melancholische Tiefe - dank Hannelore Hogner
Hannelore Hoger liest die kurzen, kargen Sätze der heute 70jährigen Agota Kristof, und wohl kaum eine andere Interpretin eignet sich für die schlichte Prosa besser als diese Schauspielerin. Denn ihre Stimme vor allem ist es, die dem knapp einstündigen Hörbuch eine ganz eigene, melancholische Tiefe verleihen.
Am Anfang gab es nur eine einzige Sprache: die Objekte, die Dinge, die Gefühle, die Farben, die Träume, die Briefe. Die Bücher, Zeitungen waren diese Sprache. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es noch eine andere Sprache geben könne, dass ein Mensch ein Wort sprechen könne, das ich nicht verstehe.
Schillerpreis der Schweiz
Doch sie lernte eine andere Sprache: In ihrem Exil - nach dem Volksaufstand 1956 in Ungarn, als sie mit Mann und Tochter über Österreich nach Neuchâtel flüchtete. Ihre Entwurzelung und den Versuch eines Neubeginns skizziert Agota Kristof in ihrer autobiografischen Erzählung - prägnant, auf das Wesentliche reduziert. Dabei drehen sich die elf Kapitel fast alle um das Thema Sprache - ihre seelische Existenz.
Fünf Jahre nach meiner Ankunft in der Schweiz spreche ich Französisch. Aber ich lese es nicht. Ich bin wieder zur Analphabetin geworden. Ich, die mit vier Jahren lesen konnte.
Ungarisch, sagt sie, sei eine phonetische Sprache, Französisch das Gegenteil. Mit 26 Jahren belegte sie einen Kurs, um Französisch lesen zu lernen. Bravourös besteht sie das Examen. Resümee der "Analphabetin“, die 2005 für ihr literarisches Gesamtwerk den Schillerpreis der Schweiz erhielt: "Ich spreche Französisch seit über dreißig Jahren, ich schreibe es seit zwanzig Jahren, aber ich kann es immer noch nicht.“
Weitere Schlagzeilen
Das Buch Kompakt
- Agota Kristof: Die Analphabetin
- Verlag: Random House Audio, 2005
- ISBN: 3-86604-033-4
- Preis (EURO): 14.50




