Panorama | 09.04.2006
"Bei jedem Reaktortyp besteht die Möglichkeit eines katastrophalen Unfalls"
Welche Rolle spielt das Alter für die Sicherheit von Atomreaktoren?
Alterungsprozesse spielen eine große Rolle und wir müssen davon ausgehen, dass nach 15 bis 25 Betriebsjahren die Sicherheit kontinuierlich abnimmt, weil Alterungsprozesse stattfinden und die Werkstoffe schlechter werden. Zum Teil kann dem entgegengewirkt werden, wenn die Betreiber den Aufwand machen und ein entsprechendes Alterungsmanagement durchführen, das heißt Komponenten austauschen und überwachen. Das geht allerdings nicht in allen Fällen, zum Beispiel kann ein Reaktordruckbehälter nicht ausgetauscht werden. Außerdem ist ein solches System des Alterungsmanagements aufwendig und teuer und da sind dann auch Zweifel erlaubt, ob das wirklich in allen Fällen, insbesondere in Osteuropa auch durchgeführt wird.
Nach wie vielen Jahren sollten Reaktoren Ihrer Meinung nach spätestens geschlossen werden?
Eine Laufzeit von etwa 30 Jahren ist wohl das Maximum, denn dann fängt eine deutliche Verschlechterung des Sicherheitsniveaus an. Das Risiko, das auch vorher schon gegeben ist, nimmt dann noch deutlich zu. Für mich wäre also 25 bis 30 Jahre ein Richtwert.
Welche Risiken muss man bei der Bewertung von Atomreaktoren außerdem berücksichtigen?
Bei jedem Reaktortyp, der heute in der Welt betrieben wird, besteht die Möglichkeit eines katastrophalen Unfalls mit schweren radioaktiven Freisetzungen. Die Wahrscheinlichkeit ist bei alten Reaktoren in Osteuropa sicherlich erhöht, aber auch bei den modernsten Reaktoren besteht diese Möglichkeit, sei es durch technisches Versagen, oder auch durch Einwirkungen von außen – natürliche Einwirkungen wie Erdbeben und Überflutungen oder auch böswillige Einwirkungen von Menschen. Das ist also ein Risiko, das mit der kommerziellen Atomkraftnutzung untrennbar verbunden ist. Außerdem gibt es eine Zweigesichtigkeit der Atomtechnologie: Anlagen die zivil eingesetzt werden können, können auch militärisch eingesetzt werden. Bei manchen Anlagen ist das weiter hergeholt und komplizierter, bei manchen Anlagen ist es sehr direkt möglich, etwa bei der Anreicherung, die eine Voraussetzung ist für den Betrieb von Atomkraftwerken. Da kann genau die gleiche Anlage für die Herstellung von Brennstoffen für Atomreaktoren oder auch zur Herstellung von Rohstoffen für Atombomben benutzt werden. Und ich denke, dass ist auch etwas, was den Konflikt mit dem Iran jetzt so schwierig macht. Rein technisch ist eine Anreicherungsanlage, die für militärische Zwecke gebaut wird, nicht unterscheidbar von einer, die für zivile Zwecke gebaut wird.
Seit dem 11. September scheint die Gefahr eines Terroranschlags nicht mehr unwahrscheinlich. Gibt es überhaupt Atomkraftwerke, die beispielsweise einem Angriff mit einem Verkehrsflugzeug standhalten könnten?
Da ist das Schutzniveau auch wieder unterschiedlich. In Deutschland zum Beispiel sind die neueren Anlagen vergleichsweise besser geschützt. Sie haben eine dickere Betonkuppel des Reaktorgebäudes als die älteren Anlagen. Ganz grob können wir für Deutschland sagen, einem Land mit relativ modernen Atomkraftwerken, dass etwa die Hälfte der Atomkraftwerke gegenüber einem solchen Angriff – auch schon wenn es sich um ein kleinere Flugzeug handelt - sehr verwundbar sind. Es muss also kein Jumbo-Jet sein. Die anderen Anlagen sind besser geschützt, aber auch da besteht Verwundbarkeit, falls es sich um ein sehr großes Verkehrsflugzeug handelt. Abgesehen davon dürfen wir nicht vergessen, dass die Bedrohung durch einen gezielten Absturz eines Verkehrsflugzeuges nicht die einzige ist. Es gibt andere Mittel - und da will ich gar nicht genauer werden - mit denen ein Atomkraftwerk angegriffen werden kann und da gilt auch bei den modernen Anlagen, dass es natürlich Möglichkeiten gibt, hier schwere Unfälle hervorzurufen.
Tschernobyl war bisher der größte anzunehmende Unfall. Wäre ein größerer Unfall vorstellbar?
Wenn es zum Beispiel in einem Atomkraftwerk in Deutschland zu einer Kernschmelze kommt und dabei auch frühzeitig das Containment zerstört wird, wären Freisetzungen denkbar, die noch um Einiges größer wären. Das könnte dann ein Vierfaches sein. Außerdem muss man bedenken, dass wenn ein solcher Unfall in einer dicht besiedelten Gegend in Mitteleuropa stattfindet, auch deshalb die Auswirkungen natürlich noch erheblich gravierender wären.
Was müsste passieren, um ein größeres Maß an Sicherheit gewährleisten zu können?
Ich denke, langfristig spricht sehr vieles dafür, aus der Atomenergie auszusteigen, denn auf der einen Seite sind Atomanlagen verwundbar – es kann sehr schlimme Folgen haben, wenn durch einen Angriff eine Freisetzung stattfindet – und auf der anderen Seite ist Atomtechnologie auch eine zentralisierte Großtechnologie, die vor allem von den Industriestaaten beherrscht wird und die auch militärische Bedeutung hat. Sie begünstigt also auch aus dieser Sicht eine nicht grade friedliche Entwicklung in der Weltpolitik. Von daher denke ich, dass der Ausstieg aus der Atomenergie der beste Weg wäre. Auch wenn in letzter Zeit argumentiert wird, dass die Rohstoffe kann werden. Fossile Brennstoffe wie zum Beispiel Gas sind knapp. Und wir wollen uns beim Gas nicht zu sehr von Russland abhängig machen. Da muss man dann aber sagen, dass dieses Problem auch bei der Atomenergie besteht. Atomkraftwerke brauchen Uran und es ist, glaube ich, sehr wenig bekannt, dass der wichtigste Uranlieferant für die EU auch wieder Russland ist. Also auch unter diesem Gesichtspunkt der Rohstofflieferung spricht einiges dafür, aus der Atomenergie auszusteigen. Längerfristig wird der einzige Weg in der Energiepolitik, der wirklich Voraussetzungen für langfristiges, nachhaltiges Überleben der Menschheit schafft, ein Weg sein, der auf erneuerbaren Energiequellen und auf rationeller Nutzung der Energie beruht.
Dr. Helmut Hirsch ist Physiker und als freiberuflicher wissenschaftlicher Berater für nukleare Sicherheit unter anderem für die österreichische Bundesregierung und das österreichische Umweltministerium tätig.


