Sprachbar | 02.05.2007
Über das Hetzen
Jetzt und sofort. Besser gestern als heute. Am besten gleichzeitig. Termine über Termine. Jäger und Gejagte. Was treibt uns vor sich her? Hetzer und Gehetzte. Wer hasst, der hetzt. Und umgekehrt.
Lässt sich das Wörtchen ‚jetzt’ steigern? Oder gibt es noch einen deutlicheren Ausdruck für ‚sofort’ als ‚sofort’? Nein, rein sprachlich geht das nicht. Allerdings findet im täglichen Leben längst etwas statt, was ‚jetzt’ und ‚sofort’ dem Anschein nach überbietet.
Schneller als am schnellsten
„Alles zu jeder Zeit“ heißt die Devise. Natürlich ist es gänzlich unmöglich, zwei oder gar mehrere Dinge tatsächlich gleichzeitig zu tun. Multitasking, das annähernd gleichzeitige Ablaufen mehrerer Prozesse in Betriebssystemen, lässt sich halt nicht auf den Menschen übertragen. Gleichwohl gilt es als besondere Qualifikation, so etwas wie Multitasking zu praktizieren. Das bedeutet im Klartext eine Hetzerei ohne Ende.
Was Soziologen und Psychologen so wohlklingend die stets zunehmende „Beschleunigung aller Lebensbereiche“ nennen, ist nichts anderes als die tägliche Hetze von morgens bis abends. Was heißt das: Hetze? Und was ist: das Hetzen? „Große Hast“ und „übertriebene Eile“ finden sich als Synonyme in den Wörterbüchern. „Übertrieben“ heißt „unangemessen“. Ungezählte Menschen vor allem in den reichen Industrieländern befinden sich nahezu ununterbrochen in diesem unangemessenen Zustand und fühlen sich stets abgehetzt. Niemand wird in Frage stellen, dass dies kein guter Zustand ist.
Beschleunigt und getrieben
Für Körper, Geist und Seele. Gehetzt-Sein bedeutet Getrieben–Sein. Allerdings nicht aus eigenem Antrieb. Und das ist der springende Punkt. Man wird sich gegebenenfalls beeilen oder eine Sache so schnell wie möglich erledigen, aber wer wird sich selber hetzen? Zwar ist ein voller Terminkalender noch immer so eine Art Prestigedokument, wird das Image des coolen Überbeschäftigten von vielen als durchaus erstrebenswert angesehen, aber längst gibt es die warnenden Stimmen von Ärzten und Psychologen, die das anmahnen, was schon zum Schlagwort geworden ist: Entschleunigung.
Also weg von der Hast, von der Rennerei, dem Tempodiktat; weg von der steten und allgegenwärtigen Hetze hin zu – ja wohin? Vielleicht zu dem, was man angemesseneres Tempo nennen könnte. „Wer langsam geht, kommt auch ans Ziel“, heißt es und da ist was dran. Wer ständig gehetzt wird - oder sich hetzen lässt – wird das Ziel in eben diesem Zustand erreichen. Nämlich abgehetzt. Und: Hetze birgt unter anderem die Gefahr, mehr Fehler zu machen, als wenn man sich Zeit lässt.
Die Hetzer
Hetze hat ein Gesicht. Wer gehetzt oder abgehetzt aussieht, sieht nicht gut aus. Da gibt es keinen strahlenden Blick, kein freundliches entspanntes Lächeln. Statt dessen Anspannung. Gehetzte Menschen können nicht stillsitzen, sind rast- und ruhelos, dabei stets auf dem Sprung, als müssten sie zum nächsten Ziel hetzen.
Nicht ohne Grund gibt es das Wort Hetzjagd auch in übertragener Bedeutung. Vergleichbar dem Wild, das von Hunden gehetzt wird, hecheln die Menschen, wie von unsichtbaren Verfolgern gehetzt, durchs Leben. Klingt übertrieben? Ist aber so. Nicht immer und überall, aber erschreckend häufig.
Die Hasser
Interessanterweise hat das Wort ‚hetzen’ von seiner Wortgeschichte her mit ‚hassen’ zu tun. Jemanden hetzen bedeutete jemanden ‚hassen machen’ beziehungsweise zum Verfolgen bringen. Die Hetzkampagnen gegen Andersdenkende, gegen Minderheiten, Menschen anderer Religion und Hautfarbe haben Tradition und sind keineswegs Auswüchse nur des modernen Zeitalters.
Hetze und Hass sind zwei Seiten derselben Medaille. Hetzredner und Hassprediger, ganz gleich welcher politischen und/oder religiösen Zugehörigkeit, sehen im Anderen den Gegner, den es zu vernichten gilt. Hetzen lässt sich natürlich auch mit anderen Mitteln als der Rede. Hetzschriften, Hetzplakate, Hetzsendungen in Rundfunk und Fernsehen waren und sind die Medien, über die sich Hetze verbreiten lässt.
Ohne Rast
Hetze, die eine wie die andere, tut dem Menschen nicht gut. Trotzdem kann er es nicht lassen mit der Hetze. Zumindest bislang nicht.
Fragen zum Text
Synonyme für Hetze sind…
1. große Rast und übertriebene Weile.
2. große Last und übertriebene Keile.
3. große Hast und übertriebene Eile.
Gehetzt sein bedeutet…
1. gerieben sein.
2. gediegen sein
3. getrieben sein
Jemand, der immer auf dem Sprung ist, ist…
1. rast- und ruhelos.
2. gelassen und ruhig.
3. entspannt.
Arbeitsauftrag
Wenn man verschläft und dem Bus hinterher rennt; wenn die Uhr stehen bleibt und man einen Termin verpasst; wenn man kurz vor Ladenschluss noch für das ganze Wochenende einkaufen muss - es gibt viele Situationen in denen Menschen gestresst und gehetzt sind. Beschreiben Sie eine besonders stressige Situation aus der Ich-Perspektive. Sie können entweder von einem Erlebnis berichten, das Ihnen passiert ist, oder eine ausgedachte Situation beschreiben.







