Sprachbar | 15.08.2007
Zählen
Wer rechnet, zählt und wer spricht, erzählt. Wer ausspricht, er rechne mit jemandem, der sagt, dass er auf jemanden zähle. Und nicht wenige Menschen meinen, dass Zahlen etwas Wunderbares sind – solange man nicht zahlt.
Auf jedes Kind konnte man zählen, wenn es darum ging, Verstecken zu spielen. Ein Abzählreim "1, 2, 3, 4 Eckstein, alles muss versteckt sein". – 1, 2, 3, 4, etwas komplizierter das Rückwärtszählen: 4, 3, 2, 1 – auch bekannt vom "Countdown" her, der bei Null endet – Zero. Bei einfachen Zählgeschichten wie "Zehn kleine Negerlein" bleiben die einzelnen Verse immer gleich lang, ob sie nun "hoch" oder "runter" zählen. In komplexere Zählgeschichten werden die Verse aber immer länger, denn bei jedem Durchlauf wird ein neuer Reim angefügt. Ein bekanntes Beispiel: "Der Bauer schickt den Jockel aus". Der Text geht, so wird vermutet, auf ein über 2500 Jahre altes aramäisches Werk zurück. Phantasievoll könnte man jetzt weiterdichten: "Der Bauer schickt den Jockel aus, der ging in die weite Welt hinaus". Ende offen.
Verzählen mit Absicht
Absichtsvolles Verzählen gibt es sicher auch schon seit 2500 Jahren: "1, 2, 3, 4, 7, hundert – ich komme!" Da stimmt was nicht... "Du kannst mir viel erzählen", oder "Erzähl keine Märchen", wird der aufmerksame Mitzähler da einwenden. Aber Kinder, die beim Durchzählen Zahlen auslassen, sollte man nicht kritisieren, sie haben das Zeug zum Märchenerzähler. Und: sie sind sympathischer als Menschen, die alles allzu genau nehmen. Diese Pedanten nennt man Erbsenzähler. Was die alles erzählen! Ich könnte Ihnen das ungefragt weitererzählen….Na, ein ander’ Mal!
Absichtsloses Verzählen gibt es auch. Es war einmal – nein ich erzähle kein Märchen - vor etwa 800 Jahren, da konnten die Menschen hier bei uns mit der Zahl Null nichts anfangen, präziser: mit dem Konzept der Zahl Null. Das wurde in Europa erst mit der Einführung der arabisch-indischen Zahlen ab dem 13. Jahrhundert anders. Früher war es von "heute" bis "heute" ein Tag, Diese alte Inklusivzählung findet sich noch immer in einigen Redewendungen. So ist es durchaus üblich zu sagen „in acht Tagen“, wenn man eine Woche meint, die ja nur sieben Tage hat. Ähnlich ist es im Französischen "quinze jours", zu Deutsch "fünfzehn Tage", steht für zwei Wochen.
Musizieren und Boxen nach Zahlen
"Er kann nicht bis fünf zählen" – so verspottet man einen der nicht einmal weiß, wie viele Finger er an seiner Hand hat. Einem Musiker kann das egal sein. Er muss bis vier zählen können. "A one, a two – a one two three four! " Hier wird die Geschwindigkeit vorgegeben. "Anzählen" nennt man das.
Auch im Boxsport wird angezählt. Während das Anzählen in der Musik am Anfang steht, markiert es beim Boxen häufig das Ende. Korrekter: Das Beinahe-Ende. Erst wenn der Ringrichter bis zehn zählt ("...acht, neun, aus! "), ohne dass sich der zu Boden Gegangene wieder kampfbereit erhebt, ist aus dem Anzählen ein Auszählen geworden.
Unberechenbare Zählbarkeit
Alles zählt, aber nicht alles lässt sich zählen. Ein schönes Beispiel, dem Duden entnommen: das Substantiv "Schnitzel" ist zählbar, "Fleisch" nicht. Das Schaf scheint so gesehen näher am Schnitzel als am Fleisch. Es wird oft gezählt - als Einschlafhilfe. Die braucht nötig der, der einen anderen sehnsüchtig erwartet, da er ruhelos die Tage (herunter)zählt bis zur Ankunft des geliebten Menschen – ein Countdown der emotionalen Art.
Sie zählt die Scheine auf den Tisch. – Das heißt: sie legt das Geld in einzelnen Scheinen auf den Tisch und zählt sie dabei. (Nein, nicht die ersehnte Person ist das zählende Subjekt, selbstverständlich eine andere.) Im Kartenspiel zählt ein As 11 Punkte, "Zählen" steht hier für "wert sein". Was ist dann der Wert der Zahl? Nun, wer einfach kombinieren kann, wer in der Lage ist, eins und eins zusammenzuzählen, wird mit dem griechischen Gelehrten Pythagoras übereinstimmen: "Die Zahl ist das Wesen aller Dinge."
Unsichtbarer Zähler
Wenn die Zahl allen Dingen innewohnt, wundert es nicht sehr, dass man manchmal gar nicht weiß, wer das zählende Subjekt ist: z.B. wenn es heißt: "Das Land zählt zwei Millionen Einwohner" oder "Dieser Sieg zählt zu den wichtigsten Ereignissen des Jahres. " (Und beim As, das 11 Punkte zählt, weiß man auch nicht wer der "Zähler" ist.) Normalerweise ist der Zähler sichtbar. Hängt er an der Wand, als Minutenzähler an der Uhr oder gar als Stromzähler, dann müssen wir mit ihm rechnen. Steht der Zähler über dem Bruchstrich, dann können wir mit ihm rechnen. Wenn wir das wollen.Wir sollten es mit Albert Einstein halten. Der sagte: "Was wirklich zählt, ist Intuition. "
Fragen zum Text
Wodurch bekam die Zahl Null eine Bedeutung?
1. durch die Einführung des Taschenrechners
2. durch die Einführung des Schriftsystems
3. durch die Einführung der arabisch-indischen Zahlen
Was bedeutet die Redewendung Er/ sie kann nicht bis fünf zählen?
1. er/ sie kennt keine Primzahlen
2. er/ sie weiß nicht, wieviel Finger er/ sie an einer Hand hat
3. er/ sie ist noch nicht fünf Jahre alt
Wenn man nicht einschlafen kann, dann zählt man...
1. Murmeltiere
2. Kühe
3. Schafe
Arbeitsauftrag
Märchenerzähler oder Erbsenzähler – manche Menschen nehmen alles nicht so wichtig, andere sind sehr pedantisch. Oft ist es aber auch so, dass man einige Dinge nicht so genau nimmt, andere Dinge aber sehr präzise macht. Schreiben Sie auf, bei welchen Dingen Sie sich besonders viel Mühe geben und bei welchen Dingen Sie nicht auf Perfektion achten.













