Stichwort | 26.05.2008
Stamm
Was haben der Borkenkäfer, der Geburtenrückgang, die Flektion starker Verben oder das Rotationsprinzip im Fußball gemeinsam? Genau, sie alle verändern den jeweiligen Stamm – auf die eine oder andere Weise.
Das Wort ist als Stammwort ein geradezu idealer Ausgangspunkt für eine Reise rund um den Stamm mit nicht allen aber doch etlichen Abstechern, Abzweigungen und Nebenlinien.
Ein Waldspaziergang
Beginnen wir mit dem Baumstamm. Er ist der dicke Holzschaft im Unterschied zu den oft weit verzweigten Wurzeln und der Krone, den Ästen, Zweigen und Blättern eines Baumes. Zur Unterscheidung der Stämme sprechen wir, je nachdem, von Fichten-, Eichen-, Buchenstämmen, deren Holz, das Stammholz, zu verschiedensten Zwecken genutzt wird.
Gehen wir noch ein paar Schritte unter Bäumen, an einer Schonung und Stangenholz vorbei in den Hochwald, der aus mächtigen Stämmen besteht. Hier wird klar, dass "Stamm" auch zum Sinnbild von Kraft und Urwüchsigkeit geworden ist. Der Stamm, obwohl ohne Wurzel nicht denkbar, wird zum Bild des Grundstocks, des festen Bestandes in vielerlei Bereichen. Der Stamm von Familien, das Stammgeschlecht oder die Abstammung, ist ein erstes Beispiel.
Von Generation zu Generation
Der Stammbaum, die graphische Darstellung der verwandtschaftlichen Verknüpfung einzelner Familienmitglieder über mehrere Generationen, stammt übrigens aus dem römischen Recht. Um Fragen des Erbrechts zu klären, war es notwendig, Verwandtschaftsgrade in anschaulicher Form darzustellen.
Dazu schien zunächst die strenge Form von Tempelfassaden mit ihren zahlreichen Säulen sowie der Giebel besonders geeignet. Die Mittelsäule nahm dann ganz allmählich die Form eines sich verzweigenden Stammes an. Der Begriff "Stammbaum" erscheint zum ersten Mal im Jahre 1664 in der deutschen Sprache.
Der zentrale Bestandteil – ob grammatikalisch oder ethnologisch
So wie Stamm in der Sprachwissenschaft der zentrale Bestandteil eines Wortes ist, dem durch Vor- und Nachsilben und durch Bestimmungswörter Bedeutungsvarianten verliehen werden, so ist Stamm auch in allen anderen Bereichen Thema mit Variationen. Stamm kann eine Gruppe von Menschen sein, die sich gerade durch bestimmte gemeinsame Eigenschaften von einem anderen Stamm unterscheiden. Nennen wir indianische Stämme, afrikanische Stämme, die biblischen zwölf Stämme Israels – oder etwas profaner, Pfadfinderstämme.
Der Fortbestand eines jeden Stammes hängt von den Stammesmitgliedern selbst ab. Der Letzte seines Stammes trägt – so gesehen – eine große Verantwortung. Immer noch wird in traditionsbewussten Familien mit gewisser Erleichterung registriert, wenn die Schwiegertochter einen Sohn, den Stammhalter zur Welt bringt.
Bitte nicht: Stammtischparolen
Mit "Stammhalter" haben wir ein Beispiel für die zahllosen Komposita, also Stammwort plus Bestimmungswörter, die sich mit unserem Stichwort bilden lassen. Dabei drängt sich als typisch deutsches Wort der "Stammtisch" auf, also jener Ort in einer Gastwirtschaft, die Stammkneipe derjenigen ist, die am Stammtisch sitzen.
Am Stammtisch wird unter anderem Stammtischpolitik gemacht. Sie zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass mit steigendem Alkoholkonsum auch für größte Probleme stets einfachste Lösungen gefunden werden. Beliebtes Thema ist neben der Politik natürlich auch der Sport und insbesondere der Fußball. Hat der Trainer jetzt endlich die Stammelf beisammen, also den harten Kern, und wird der Neueinkauf mit der stämmigen Figur zum Stammspieler in der Abwehr, oder bleibt er Stammgast auf der Ersatzbank?
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier
"Stammgast" in dieser Bedeutung ist eine ironische Brechung. Normalerweise ist ein Stammgast – eine Stammgästin gibt es nicht – jemand, der regelmäßig und fast ausschließlich sein Stammcafé oder seine Stammkneipe besucht. Dort hat er seinen Stammplatz, auf dem er sich im Gegensatz zum Stammspieler auf dem Fußballplatz, so gut wie nicht bewegt. Ein Stamm ist halt etwas Festes. Wenn der ins Wanken gerät oder gar fault, ist Gefahr im Verzug. Aber alles hat zwei Seiten. Denn wie sagt das Sprichwort: "Je fauler der Stamm, je wohler dem Wurm."
Fragen zum Text
Wer oder was ist ein Stammhalter?
1. eine Baumstütze
2. der Letzte einer Familie oder eines Stammes
3. ein Wort, das seinen Stamm nie verändert
Stammtischpolitik zeichnet sich aus durch …
1. besonders einfache, schlichte Lösungen.
2. ein strenges Vorgehen gegen Alkoholmissbrauch.
3. große Fachkompetenz.
Welcher Begriff ist nicht gebräuchlich?
1. Stammstuhl
2. Stammplatz
3. Stammkneipe
Arbeitsauftrag
Versuchen Sie, soweit Sie kommen, Ihren Stammbaum mit möglichst umfassenden Informationen über Geburtsort, Geburts- bzw. Sterbedatum und Verwandtschaftsbezeichnung graphisch darzustellen.







