Kultur | 16.05.2008
Fummeln vor der Großleinwand
Tausende von Teenagern nutzten es zum ungestörten Knutschen, viele Familien als günstiges Freizeitvergnügen. Vor 75 Jahren wurde das Autokino erfunden. Heute lebt es von einer kleinen, nostalgischen Stammkundschaft.
Als sich der Amerikaner Richard Milton Hollingshead am 16. Mai 1933 seine Idee für das erste Autokino patentieren ließ, dachte er dabei nur an Zündkerzen und Reifen. Der Besitzer eines Autozubehör-Geschäfts wollte mit seinem Freiluftkino mehr Kunden gewinnen. Zur Eröffnung der ersten Filmvorführung am 6. Juni 1933 warb er mit dem Slogan: "Die ganze Familie ist willkommen, egal wie laut die Kinder sind". Und sie kamen in Scharen. Hollingshead machte das Geschäft seines Lebens und andere taten es ihm nach. Bereits zehn Jahre später gab es in den USA über hundert "Open Air Drive In Kinos". In fünfziger Jahren waren es sogar über 4.000 Autokinos.
In Deutschland wurde Hollingheads Idee erst rund 30 Jahre später Kult. Zu den ältesten Freiluftspielen gehört das Autokino in Gravenbruch bei Frankfurt. Als es damals öffnete, zog nicht nur die riesige Leinwand und das leidenschaftliche Liebes- und Filmvergnügen die Besucher an. Auch die amerikanische Fastfood-Kultur, die mit dem Autokino über den Atlantik kam, faszinierte die Besucher. "Es gab Leute, die kamen im Prinzip nur wegen der Hamburger, die wir angeboten haben", erinnert sich Filmvorführer Ernst Schneider. Seit über 40 Jahren arbeitet er im ältesten deutschen Autokino.
Besucherstrom dank Sexfilmchen
Zu den Stammgästen gehörten damals Familien, die wegen der günstigen Eintrittspreise kamen und junge Paare, die gerne ungestört auf der Rückbank küssten und schmusten. Doch schon in den achtziger Jahren verflog der Reiz des Neuen und Aufregenden. Außerdem gab es mit dem Aufkommen des Videoverleihs die Möglichkeit, Kinofilme auch zu Hause in ungestörter "Knutschatmosphäre" anzusehen. Die Autokinos versuchten wirtschaftlich zu überleben, indem sie mit Sexfilmchen Nachtschwärmer anlockten.
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Filmvorführer im Autokino mussten Sexfilme kürzen
"Da mussten wir dann als Vorführer immer gucken, dass da auch keine Pornoszenen drin waren", erzählt Ernst Schneider. Gab es solche Filmausschnitte, wurden sie von den Betreibern herausgeschnitten – oft allerdings nach der ersten Vorführung des Sexstreifens. "Dann kamen die Leute, die den ungekürzten Film gesehen hatten und beschwerten bei der nächsten Vorführung, das sei Betrug", sagt Schneider.
Nostalgische Stammkundschaft
Knapp die Hälfte der deutschen Autokinos hat die Krise überstanden. In den USA gibt es noch rund 100, in Deutschland ungefähr zwanzig Kinos. Dank einer festen Stammkundschaft, die dem Freiluftvergnügen bis heute treu geblieben ist, meint der Filmvorführer. So kommen im Sommer in Gravenbruch noch bis zu 1.000 Autos angefahren. Schneider macht sich daher um die Zukunft des Autokinos keine Sorgen.
"Die Kinos, die jetzt noch existieren, bleiben auch", meint er. Denn es gebe eine Renaissance der motorisierten Romantik in der zweiten und dritten Kinogeneration. Die Großeltern und Eltern schwärmten ihren Kindern und Enkelkindern von ihren Kinoerlebnissen im Auto vor und animierten sie damit, es selbst einmal zu versuchen, beobachtet Schneider. "Mit dem Ergebnis, dass auch die jungen Leute ganz begeistert sind."















