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Buchtipp

Markus Orths: Das Zimmermädchen

Man stelle sich vor, man übernachtet in einem Hotel. Man telefoniert vielleicht, schmettert ein Lied oder spricht vor sich hin. Man wähnt sich schließlich allein. Aber kann man sich da so sicher sein...?

In seinem neuen Roman führt uns Markus Orths in ein Hotel – und in das Innenleben einer jungen, kaum dreißigjährigen Frau. Lynn, mit vollem Namen Linda Mari Zapatek, ist Zimmermädchen. Die Idee für seine Figur und ihre Geschichte kam dem Autor tatsächlich in einem Hotelzimmer bei einer seiner vielen Lesereisen. Da habe er sich gefragt, "was in den Zimmermädchen so vorgeht, die diese Zimmer putzen, was die da alles entdecken, was man so liegen lässt, unachtsam, Bücher oder Notizen oder andere Sachen, und wie weit die dann dazu übergehen, auch in diesen Sachen zu schnüffeln."

Neugier auf fremdes Leben

Markus Orths spinnt diese Idee weiter, bis das Zimmermädchen Lynn schließlich unter dem Bett der Hotelgäste landet. Um dem fremden Leben, das sich dort abspielt, zu lauschen. Jeden Dienstag liegt sie unter einem Hotelbett. Hört die Gespräche der Gäste, deren Liebesleben, die Routine der anderen: Fernsehen, Handygespräche, Alkohol. "Das Leben der anderen" hatte der Roman ursprünglich heißen sollen, dieser Titel war schon vergeben für den Oscargekrönten Film. Und dieses Leben der anderen stellt Lynn sich viel interessanter vor als ihr eigenes. Doch sie täuscht sich. Die Lebenszeichen, die Lynn dort unter dem Bett vernimmt, sind von ihrer eigenen Routine gar nicht weit entfernt.

Über Lynn selbst erfährt der Leser nicht viel. Nur, dass sie ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter hat, die sie jeden Donnerstag anruft, damit die zwei dann aneinander vorbeireden. Dass sie einen Liebhaber hat, den sie nach Lust und Laune springen lassen kann, vor allem, wenn es um Geld geht. Und dass sie gerade eben erst nach einem sechsmonatigen Aufenthalt aus einer psychiatrischen Klinik entlassen wurde. Warum sie dort war – man erfährt es nicht. Man ahnt es nur. Denn Markus Orths entzieht uns diese Figur, je mehr er sie beschreibt:

Kein PsychogrammMarkus Orths
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:  Markus Orths

Er wollte auf keinen Fall ein Psychogramm erstellen, das hundertprozentig aufgeht, so der Autor: "also weder Kleptomanin, da gibt es vielleicht zwei, drei Hinweise darauf, noch totale Zwangsneurose." Vielmehr interessierten ihn die Brüche in der Figur.

Und diese Brüche begegnen dem Leser auch in der Sprache des Romans. Manchmal fehlen ganze Artikel, Wortteile oder Verbpartikel. Es ist eine in dieser Hinsicht ‚arme Sprache‘. Vielleicht auch ein Hinweis auf die Aussiedlerin Zapatek und ihre mangelnde Sprachkenntnis. In jedem Fall ist es die passende Beschreibung einer Frau, die sogar sich selbst fremd bleibt. Die Nichtidentität der Figur Lynn mit sich selbst, ihre fehlende Authentizität und ihre schmerzhaften Bemühungen darum, eine Einheit mit sich selbst zu finden – all das hat Markus Orths sprachlich meisterhaft und beklemmend in Szene gesetzt!

 

Oliver Seppelfricke

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Weitere Schlagzeilen

Das Buch Kompakt
  1. Markus Orths: Das Zimmermädchen
  2. Verlag: Schöffling 2008
  3. ISBN: ISBN-13: 97838956109
  4. Preis (EURO): 16.90


 
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