Alltagsdeutsch | 24.06.2008
Senfmühle
Scharf, süß oder körnig – Senf gibt es in den verschiedensten Variationen. Viele große Firmen produzieren die gelbe Paste. Doch in einer Senfmühle in der Eifel wird Senf noch auf die alte Art und Weise hergestellt.
Sprecherin:
Guido Breuer betreibt ein altes und selten gewordenes Handwerk. Er ist Senfmüller und dazu noch einer, der tatsächlich mit den Händen sein Werk verrichtet. Die Senfsaat wird genauso wie der Essig und die anderen Zutaten von ihm persönlich ohne technische Hilfe in einen großen Bottich gegeben, in dem dann alles zu einem aromatisch scharfen Brei vermahlen wird. Guido Breuer ist nicht nur Handwerker, er ist auch ein Redetalent. Regelmäßig führt er Schülergruppen und Touristen durch die Produktionsräume seiner Firma. Und natürlich weiß Guido Breuer, dass eine besondere Sache auch einen besonderen Namen braucht.
Guido Breuer:
"Wir sind hier in der historischen Senfmühle Monschau, gegründet im Jahre 1882 von meinem Urgroßvater, und wenn man durch Monschau geht, sieht man heute noch unser altes Wasserrad am Fluss, wo die Senfmühle damals durch angetrieben wurde. Wir nennen übrigens unseren Senf Moutarde de Montjoie, weil mein Urgroßvater im französischen Teil gründete. Monschau hat ja mal erfahren, so muss man das ausdrücken, dass der Napoleon da war, die Rheinlande besetzte und aus dem damaligen Monjave, ein Montjoie im Französischen formte. Deshalb hab ich gesagt, bei Übernahme des Geschäftes, machste jetzt einen Monschauer Senf, machste einen Monschauer Mostard im Dialekt oder machste ganz was Hochtrabendes und schreibst 'Moutarde de Montjoie'. Und so heißt mein Senf heute Moutarde de Montjoie."
Sprecher:
Zwischen drei sprachlichen Möglichkeiten musste Guido Breuer sich entscheiden. Sollte er hochsprachlich "Monschauer Senf " auf das Etikett schreiben oder im regionalen Dialekt bleiben und von "Monschauer Mostard" sprechen? Die französische Bezeichnung "Moutarde de Montjoie" hat dem Senfmüller am besten gefallen, auch wenn das für viele ganz schön hochtrabend klingt. Die gängige Wendung "hochtrabend" bezeichnet eine Sache, die mit einer großen Geste oder wohlklingenden Worten als etwas ganz Besonderes und auch etwas übertrieben dargestellt wird. Der Begriff bezieht sich auf das Bild eines Reiters, der sich mit geradem Rücken mit seinem Pferd im Trab bewegt.
Sprecherin:
Am Wasser steht die Mühle heute nicht mehr. 1951 zogen die Breuers mit ihrer Senfmühle an den Ortsrand. Seitdem treibt ein 5 PS Motor den breiten Transmissionsriemen an, der für die Bewegung der riesigen Mühlsteine sorgt. Die mehr als vierzig Jahre alte Maschine ist aber auch schon das modernste in der Gesamtausstattung der Anlage.
Guido Breuer:
"Ich besitze noch die Mahlsteine meines Großvaters, der 1900 in Mayen in der Eifel diese 350 Kilo schweren Basaltsteine erworben hat, die an der unteren Seite auch noch ein eingearbeitetes Rillensystem haben. Und das Rillensystem hat zwei Funktionen, da ist einmal die Schöpfrille und einmal die Kühlrille. Das heißt, wir erzeugen ein bisschen Wärme beim Herstellen des Senfes. Aber ich hab die Sache dermaßen im Griff, dass die Hitze nicht überhand nimmt."
Sprecher:
Guido Breuer hat die alten Mahlsteine seines Großvaters im Griff, so dass die Hitze nicht überhand nehmen kann. Die Hand spielt in vielen deutschen Redewendungen und Sprichwörtern eine wichtige Rolle. Sie gilt seit altersher als Symbol der Gewalt über etwas, als Zeichen des Besitzes und des Schutzes. Wer etwas im Griff hat, der kann mit einer Sache gut umgehen, so dass keine Fehler passieren. Wenn etwas überhand nimmt, wird es zu stark, groß oder dauert zu lange. Überhand nehmen kann eine Schar von Ameisen im Garten genauso wie die zu laute Musik während eines Festes.
Sprecherin:
Von der Qualität seiner Senfsorten ist Guido Breuer fest überzeugt und die vielen Kunden, die für seinen Senf gerne etwas mehr als im Supermarkt ausgeben, wohl auch. Um diese Qualität zu erhalten, gibt es für den Senfmüller nur eines, gute und – das bedeutet eben auch – teurere Zutaten. Außerdem ist ihm die Erhaltung der alten Handwerkstradition wichtig, selbst wenn das museale Züge bekommt.
Guido Breuer:
"Wir sind heute nur noch ganz wenige Leute in Europa, die so arbeiten. Wir machen alle unsere Spezialitäten. Ich hab zum Beispiel bei einem Besuch in Frankreich, in der Nähe von Compiegne, Richtung Paris, mal festgestellt, dass mein Kollege 25 verschiedene Sorten macht. Aber, sie fangen an halbherzig zu arbeiten, haben schon ganz moderne Anlagen dastehen und da bin ich konsequent gegen."
Sprecher:
Guido Breuer steht im Kontakt zu anderen Senfmüllern in ganz Europa. Einige von ihnen hat er sogar schon besucht. Bei manchen stellt er jedoch fest, dass sie beginnen halbherzig zu arbeiten und mit modernen Anlagen große Mengen produzieren. Das Herz gilt als Sitz der Empfindungen. Außerdem steht es als Symbol für Entschlusskraft und Besonnenheit. Etwas von ganzem Herzen zu tun, bedeutet, eine Sache mit aller Entschiedenheit und voller Energie durchzuführen. Etwas nur halbherzig zu tun, heißt dementsprechend, eine Sache mit wenig Entschlossenheit und Überzeugung zu erledigen.
Sprecherin:
Der Raum in der Monschauer Senfmühle, in dem sich alles Wesentliche abspielt ist, misst kaum mehr als 40 Quadratmeter. Er beherbergt nicht nur den Antrieb und die beiden großen Mühlsteine, er stellt in Vitrinen auch Senftöpfchen verschiedenster Art aus. Vom hochherrschaftlichen Silbergefäß bis zum gröbsten Kitsch gibt es eine kleine Geschichte der Senfgefäße zu betrachten. Zeitungsannoncen der letzten Jahrhundertwende und eine alte Waage mit Eisengewichten machen das atmosphärische Bild komplett.
Guido Breuer:
"Der erste Kunde, der mich hier besuchte, war eine ältere Dame, die meinte bei der Probe des Senfes: "Herr Breuer, so schmeckte Senf in meiner Jugend". Und damit hat sie mir ein tolles Kompliment gemacht. Denn in der Jugend der Dame gab es tausende Senfmühlen. Wir hatten hier in Monschau im Umkreis von hundert Kilometern 10 Kollegen, die so Senf produziert haben, aber die Industrialisierung hat sie alle in die Knie gezwungen. Und heute ruft mich der eine oder andere Kollege an aus Deutschland und sagt: "Ich hab Sie im Fernsehen gesehen. Wir hatten das selber dastehen. Nur wir waren so vermessen und wollten modern produzieren, nämlich Tonnagen herstellen pro Tag, und hatten nicht miteinbezogen, dass die modernen Mühlen ja Schnellläufer sind und die ganzen ätherischen Öle verschwinden lassen"."
Sprecher:
Zu Anfang des 20. Jahrhunderts existierten in Deutschland noch viele Senfmühlen, was der wirtschaftlichen Struktur dieser Zeit entsprach, in der es ja viele kleine und mittlere Handwerksbetriebe gab. Von der zunehmenden Industrialisierung blieb natürlich auch das Handwerk der Senfmüller nicht unberührt. Guido Breuer sieht die Entwicklung so, dass die Industrialisierung rund 100 Kollegen, die im Umkreis von 10 Kilometern existierten, in die Knie gezwungen habe. Der geläufige Ausdruck benutzt das sehr empfindungsstarke Bild eines besiegten Menschen, der von einer übergroßen Macht in eine demütigende Haltung gezwungen wird. Wie das Beispiel der Senfproduktion es schon zeigt, können nicht nur Menschen andere Menschen in die Knie zwingen, sondern auch gesellschaftliche Umstände und wirtschaftliche Entwicklungen.
Sprecherin:
Ein besonderes Produkt braucht eine besondere Verpackung, denn gute Erzeugnisse verkaufen sich nicht von allein, für Marketingstrategen eine Grundregel. Als Guido Breuer den Betrieb von seinem Vater übernahm, hat er daher bewusst ein Gefäß für seinen Senf ausgewählt, das den Charakter des Altehrwürdigen und Handgefertigten unterstreicht. Eine Veränderung, die Vater Breuer zunächst für überflüssig hielt. Der wirtschaftliche Erfolg seines Sohnes aber ließ ihn die Kritik bald vergessen.
Guido Breuer:
"Mein Vater hat die Welt eh nicht verstanden, wie ich hinging und machte einen Senf in so einem Pott. Ich hab gesagt, das ist ein dunkler schöner Steinzeugtopf, da sind die Aromen heil. Der Senf kann kein Licht vertragen. Er erfährt die Kühle des Topfes, kann also noch zusätzlich im Kühlschrank aufbewahrt werden. Da hab ich eine Verpackung, die ist 1a."
Sprecher:
Als Guido Breuer begann, seinen Senf in rustikal wirkende Tontöpfe zu verpacken, hat sein Vater die Welt nicht mehr verstanden. Nun, ganz so schlimm wird es nicht gewesen sein, wie der Ausdruck es vermuten lässt. Die Formulierung "die Welt nicht mehr verstehen" ist eine gängige Redewendung, um dem Unverständnis gegenüber Veränderungen einen deutlichen Nachdruck zu verleihen. Für Guido Breuer war der Steinzeugtopf eine 1a-Verpackung. 1a, also beste Qualität, kann vieles sein. Ein Auto, eine Wohnungsausstattung, aber auch zum Beispiel ein Urlaubsvergnügen oder ein Abend im Restaurant.
Sprecherin:
Senf zu produzieren heißt einerseits, überlieferte Erfahrung und alte Rezepte anzuwenden. Es bedeutet aber auch, die Geschmackssinne offen zu halten für neue Eindrücke und die Wünsche der Kunden zu berücksichtigen. Für einige seiner Senfsorten hat Guido Breuer jahrelang nachgedacht und verschiedenste Mischungen ausprobiert, bis am Ende die aromatische Verbindung herauskam, die ihn zufrieden stellte. Mit seinem Repertoire verschiedener Geschmacksrichtungen versucht er vom Feinen bis zum Rustikalen alles abzudecken.
Guido Breuer:
"Manche mögen's mal ein bisschen deftig ... Eine deftige Schlachtplatte auf Deutsch gesagt mit Leberwurst und Wurst Sauerkraut, und da passt Kümmelsenf dazu, zweifelsohne, denn der hilft ja auch bei der Verdauung. Und unser Honigsenf, den mach ich mit 30 Prozent Honiganteil und schmeck' das Ganze mit blauem Mohn ab. Und dieser blaue Mohn gibt dem Senf das absolute Aha-Erlebnis. Ich brauche immer noch einen Kick, wo ich sage, aha, das isses."
Sprecher:
Manche mögen's deftig, auf Deutsch gesagt. Der häufig gebrauchte Ausdruck auf Deutsch gesagt bedeutet meist etwas kurz, knapp und deutlich zu beschreiben. Manchmal ist diese Beschreibung auch etwas grob oder, um im Bild zu bleiben, deftig. Guido Breuer hat lange nach einer Ergänzung für seinen Honigsenf gesucht, weil er immer noch einen Kick braucht, um zufrieden zu sein. Der aus dem Englischen entlehnte Kick kommt natürlich aus der Fußballersprache. Was dort ein Tritt oder Stoß ist, das bezeichnet in der Umgangssprache das besondere Erlebnis oder Hochgefühl. Manche versuchen, mit Alkohol einen Kick zu bekommen, andere treiben dazu Sport. Einen Kick geben kann aber auch ein anregender Film oder ein interessantes Buch. Als Guido Breuer dann auf die Idee kam, Mohn zu seinem Senf hinzu zu geben, war das für ihn ein absolutes Aha-Erlebnis. Wer plötzlich auf eine gute Idee kommt oder überraschend eine Einsicht gewinnt, sagt oft spontan: "Aha". Diese Reaktion findet als Aha-Erlebnis in der Umgangssprache ihren Ausdruck.
Sprecherin:
Guido Breuer ist überzeugter Senfmüller und ein rühriger Unternehmer. Neben seiner Senfmühle betreibt er zusätzlich einen Getränke- und Weinfachhandel. Dort bietet er auch seine mit Sicherheit größte Besonderheit an: Senfpralinen. Von der Überzeugung geleitet, dass Gegensätze sich anziehen, ließ er einen belgischen Pralinenhersteller Süßes und Saures, Mildes und Herbes verbinden. Der kulinarischen Dinge nicht genug, eröffnete der Senfmüller 1998 noch ein kleines Restaurant. Und auch hier lässt Guido Breuer das Thema Senf nicht in Ruhe. In welchen Topf dort die Köche am meisten greifen, um den Gerichten die gewünschte Würze zu verleihen, ist unschwer zu erraten. Sein Ehrgeiz als Unternehmer hat Guido Breuer nicht dazu verführt, eine höhere Senfproduktion anzustreben. Die Zusammenarbeit mit Großunternehmen hat er immer abgelehnt.
Guido Breuer:
"Ich hab immer das betreiben wollen für mich im kleinen, nicht jetzt als Zulieferer. Im Gegenteil, meine Freunde meinen manchmal, ich sollte den Senf doch von den Riesen machen lassen und nur mein Etikett verwenden. Und das ist genau das falscheste, was ich machen könnte, ich würde mir sofort den Ast absägen, wenn ich neben diese altehrwürdigen Mühlsteine eine moderne Turbinenanlage stellen würde. Ich wäre schön dumm. Ich betreibe heute, das kann man ruhig so sehen, eine Nischenpolitik, und kann auch noch sehr gut einwirken auf den Preis, auf die Qualität sowieso, aber auch auf den Preis, und das macht dem Kaufmann Spaß."
Sprecher:
Seine Senfherstellung möchte Guido Breuer nicht ausweiten, auch nicht über den Umweg, dass er nach seinem Rezept andernorts produzieren lässt. Damit würde er sich seiner Meinung nach den Ast absägen. Sich den Ast absägen, auf dem man sitzt, wie die Wendung vollständig heißt, bedeutet, dass man sich seiner Lebensgrundlage beraubt und seinen eigenen Niedergang bewirkt. Hätte er größere Mengen produziert, wäre ein wesentlicher Wert Guido Breuers, nämlich seine Originalität, verloren gegangen. Er betreibt eine Nischenpolitik, das heißt, eine Produktion und eine Verkaufsstrategie, die auf einen kleinen Teil in der großen Wirtschaft zielt. Eine Nische, also eine Ecke, hier eine kleine Käuferschicht mit speziellen Wünschen, ist leichter zu halten als viele Käufer mit unterschiedlichsten Bedürfnissen.
Sprecherin:
Wir wünschen Ihnen, dass sie sich niemals aus Versehen den Ast absägen, auf dem sie sitzen, und immer von ganzem Herzen bei der Sache bleiben können.
Fragen zum Text
Jemand, der etwas halbherzig tut, …
1. erledigt eine Sache mit wenig Entschlossenheit.
2. hat Probleme mit dem Herzen.
3. ist verliebt.
Wer plötzlich auf eine Idee kommt, ...
1. kann das ABC.
2. kennt etwas aus dem FF.
3. hat ein Aha-Erlebnis.
Wenn man seinen eigenen Niedergang bewirkt, …
1. schneidet man sich ins eigene Fleisch.
2. packt man sich an die eigene Nase.
3. sägt man den Ast ab, auf dem man sitzt.
Arbeitsauftrag
Schreiben und gestalten Sie ein Werbeplakat für den 'Moutarde de Montjoie'. Schreiben Sie auf, was an dem Senf so besonders ist und warum ihn die Menschen kaufen sollten.







