Stichwort | 02.06.2008
Wild
Die meisten Lebewesen, ob Pflanze, Tier oder Mensch, gibt es in mindestens zwei Varianten – einer wilden und einer domestizierten. Beim Menschen nennt man letztere zivilisiert und ist in der Regel stolz darauf.
"Wild" heißt das Stichwort dieser Woche, und wir sagen es gleich: Über seine Herkunft lässt sich so wenig Gesichertes vermelden wie über seine Grundbedeutung. Allerdings können wir feststellen, dass "wild" einen geradezu wildwüchsigen Bedeutungsumfang schon seit dem Mittelalter hat. Erst im 16. und 17. Jahrhundert ist eine gewisse Beschränkung im Gebrauchsumfang festzustellen. Man könnte auch in der Gärtnersprache sagen, der Wildwuchs wurde einigermaßen zurechtgestutzt.
Wildes in Flora und Fauna
Aber werfen wir zunächst einen Blick ins Tierreich. Da haben wir die wilden Tiere, die nicht gezähmten, die in freier Wildbahn leben und auf ihre Weise ein wildes Leben führen. Einige lassen dies schon an ihrem Namen erkennen. Wildente und Wildgänse aus der Abteilung Flugwild; am Boden finden wir beispielsweise die Wildkatze und die Wildsau.
Für Europäer sind die klassischen wilden Tiere in Indien und Afrika, in der grünen Wildnis der Tropenwälder, im Dschungel beheimatet. Da gerät uns beinahe aus dem Blick, dass auch in den gemäßigten Zonen der Erde noch viel Wildes lebt und gedeiht. Alle Speisefische, die nicht aus Zuchtanlagen kommen, sind ja ebenfalls wild. Zu Lande gibt es im Pflanzenreich wilde Kirschen, wilde Beeren, als da sind Preisel-, Him-, Brom- und Erdbeeren.
Metaphorische Insekten
Jetzt, im späten Frühling, brummen Bienen und Hummeln in Gärten und Wiesen. Auch sie sind im eigentlichen Sinn wilde Tiere. Wobei die wilde Hummel von keinem Geringeren als Goethe ins Reich der Poesie erhoben wurde, als der alte Schwerenöter einmal von einem Mädchen "als einer wilden Hummel von Brünette" sprach.
Später folgten dann in den Niederungen der Umgangssprache die flotten und wilden Bienen, denen wir uns aber nicht weiter hingeben wollen; denn dies würde wilder Fantasie Vorschub leisten und wäre dann politisch nicht mehr korrekt.
Wildbewegte gegen das Establishment
Nun ist aber die Verbindung "Mensch" und "Wild" kaum aufzulösen. Schließlich war der Mensch in seinem Naturzustand im Wortsinne ein Wilder. "Leben wie die Wilden" ist heute ausschließlich abwertend gemeint. Ursprünglich aber war das Leben als Wilde eine Lebensform in der Entwicklungsgeschichte des Menschen. Und hartnäckig hält sich das Wilde in ihm. Immer wieder gibt es das wilde Aufbegehren gegen das Althergebrachte, gegen das Gezähmte, Angepasste. Besonders augenfällig in dem Bereich, den man gemeinhin den gesellschaftlich-politischen nennt.
Die wilden 68-er des letzten Jahrhunderts sind noch in lebhafter Erinnerung, und so mancher Zeitgenosse ist als von jener Bewegung Wildbewegter noch heute daran zu erkennen, dass er mit trotziger Entschiedenheit seinen wild wachsenden Bart nebst den Klamotten trägt, die fernab jeglichen Designs geschneidert wurden. Insgeheim bewundert von vielen, die sich einfach nicht trauten, anders zu sein, waren auch die Aussteiger jener Jahre, die der bürgerlichen Welt den Rücken kehrten und hinauszogen in die meist südlich gelegene Welt.
Glücklich ohne Trauschein
Wer damals auf sich hielt, heiratete auch nicht, sondern lebte mit der Herzallerliebsten in wilder Ehe. Keine moderne Erfindung übrigens, schon im 18. Jahrhundert findet sich der Begriff, ohne Trauschein zusammenleben. Wild leben mit einer Frau respektive einem Mann. Ha, wie das klingt. Zügelloses, ungezähmtes, leidenschaftliches Konkubinat, durchtobte Nächte, erschöpfte Tage, wilde Gelage!
Und dann gibt einer so was auf – nach 18 – in Worten: achtzehn – Jahren. So geschehen in unserem Freundes- und Kollegenkreis. Wild entschlossen trat er mit – jetzt – seiner Frau vor den Standesbeamten und hat "Ja" gesagt. Wir nehmen an, dass es zum Hochzeitsmahl wenigstens Wild gegeben hat. Also, Wildschweinbraten zum Beispiel und Wildpastete und wilde Erdbeeren zum Nachtisch…
Wo die Welt noch wild ist
Und dennoch: Wir verstehen das. Wahrscheinlich hat ihn schon lange interessiert, wie das so sein mag mit Hochzeitsreise und Flitterwochen. Wir nehmen an, dass sie ein kleines bisschen alternativ sein werden. Zumindest was den Ort betrifft. Wir könnten uns eine wilde Gegend in Irland vorstellen.
Fragen zum Text
In einem Gedicht Goethes wird ein junges Mädchen verglichen mit einer wilden …
1. Biene.
2. Fliege.
3. Hummel.
Was bezeichnet man als wilde Ehe?
1. das Zusammenleben eines Paares, das nicht verheiratet ist
2. eine Ehe, in der einer der Partner gewalttätig ist
3. eine offene Beziehung mit häufigen Seitensprüngen
Welche dieser Beeren sollte man auf keinen Fall essen?
1. Brombeere
2. Schneebeere
3. Preiselbeere
Arbeitsauftrag:
Manche sehen in den "wilden 68-ern" die Ursache allen Übels, andere meinen, dass die Studentenbewegung im letzten Jahrhundert unbedingt notwendig gewesen sei und große Fortschritte gebracht habe. Informieren Sie sich über 68-er-Bewegung in Deutschland und diskutieren Sie über ihre Auswirkungen auf die Gegenwart.







