Buchtipp
Norman Mailer: Heiliger Krieg: Amerikas Kreuzzug
Seit dem 11. September 2001 erleben die USA eine tiefe Krise. Eine Krise, die der amerikanische Schriftsteller Norman Mailer eine "Massenidentitätskrise“ nennt. Eine Krise, die gefährlich werden kann. Gefährlich für die Freiheit, für die Menschlichkeit, für die Demokratie. Also für all das, was die Amerikaner als ur-amerikanische Werte bezeichnen.
Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben genau das hervorgerufen, was Terror hervorrufen will: allgegenwärtige Angst. Doch in den USA bringt diese Angst nicht etwa Selbstzweifel mit sich oder die Frage: Was haben wir nur falsch gemacht? Vielmehr entfesselt sie einen zwanghaften Patriotismus. Die einzige Frage, die die Amerikaner verzweifelt an die Welt richten: Warum sind wir nur so verhasst?
Überlegenheit und Unsicherheit
In niedergeschriebenen Gesprächen mit Journalisten und Essays rechnet Norman Mailer auf 123 Seiten ab. Mit dem amerikanischen Volk und seinem übertriebenen Patriotismus. Mit seiner Arroganz und Eitelkeit. Aber vor allem erhebt er seine Stimme gegen George W. Bush und seine Regierung.
"George W. Bush bleibt vom Wesen her der Vorsitzende einer Studentenverbindung, der in seinem Schülerjargon eine Floskel nach der anderen produziert, sich über die eigenen Behauptungen freut und sich keineswegs daran stört, dass sie der Wahrheit nicht entsprechen und nicht zum Thema passen. Mottos und Plattitüden sind sein Schönstes."
Norman Mailer analysiert präzise die Ängste und Hoffnungen der Amerikaner, ohne populäre Pauschalurteile zu fällen. Er untermauert seine Beobachtungen mit Leitartikeln von amerikanischen Journalisten, die ähnliches in ihrem Land beobachten: auf der einen Seite eine ungeheure Unsicherheit. Auf der anderen Seite einen Überlegenheitsgedanken gegenüber der restlichen Welt, ja sogar einen "Traum von der Weltherrschaft".
Mahnend, aber nicht moralisierend
Norman Mailer gelingt eine knappe Bestandsaufnahme der Lage in seinem Land: ohne zu psychologisieren, ohne zu polemisieren. Durch die Dialoge mit Journalisten lässt Mailer in seinen Antworten viel Raum für Persönliches, kritisiert als Jude die israelische und als Amerikaner die amerikanische Politik - beide für ihn eng verflochten.
"Israel ist inzwischen eines von vielen Kraftzentren in der Welt. Aber die Israeli haben etwas Einzigartiges verloren. Heute behandeln sie die Palästinenser, als wären sie, die Israeli, die Kosaken und die Palästinenser die Ghetto-Juden. Je älter man wird, desto mehr wird man abhängig von Ironie als dem letzten menschlichen Element, auf das man sich verlassen kann. Alles Bestehende wird sich irgendwann umkehren, was innen ist, wird sich nach außen wenden."
Norman Mailer bietet keine Nonplusultra-Lösungen, wirkt an manchen Stellen sogar ein bisschen resigniert. Er schreibt in erster Linie als beobachtender Schriftsteller. Aber auch als jemand, der ermahnt und den Zeigefinger kompromisslos erhebt, ohne zu moralisieren, als jemand, der sich für die Werte einsetzt, die die Amerikaner für ur-amerikanisch halten: Freiheit, Gleichheit, Demokratie. Darin liegt die Stärke dieses Buches.
Weitere Schlagzeilen
Das Buch Kompakt
- Norman Mailer: Heiliger Krieg: Amerikas Kreuzzug
- Verlag: Rowohlt, 2003
- ISBN: 3-498-04492-3
- Preis (EURO): 12.90







