Buchtipp
Ulrich Tilgner: Der inszenierte Krieg
Ulrich Tilgner berichtet seit über 20 Jahren aus den Krisengebieten im Nahen und Mittleren Osten. Für seine Berichterstattung über den Irak-Krieg erhielt er 2003 den renommierten "Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis". Hier legt er ein Buch vor über Schein und Wirklichkeit des "inszenierten Kriegs" im Irak.
Der Titel ist vielleicht etwas irreführend. Denn "Der inszenierte Krieg" lässt Böses ahnen: Nach den Verschwörungsthesen und -büchern zum 11. September nun etwas Ähnliches zum Thema Irakkrieg? Um es gleich vorwegzunehmen: Solche Befürchtungen werden bei der Lektüre des Buches nicht bestätigt. Dazu ist Ulrich Tilgner, ZDF-Korrespondent in Bagdad während des letzten Krieges, natürlich viel zu seriös. Und dennoch: Solch ein Titel ist angelegt auf Käuferfang und lässt bewusst im Unklaren, was eigentlich gemeint ist. Im Unklaren bleibt unter anderem, was der Autor mit der immer wiederkehrenden Klage meint, die Medien seien in diesem Krieg über die Maßen instrumentalisiert worden.
"Der Krieg wird nicht im Luftraum oder den Wüsten- und Sumpfregionen Iraks geführt. Mit Hilfe der Medien bestimmen die Militärs zugleich die öffentliche Wahrnehmung und nutzen sie für ihre Planungen. Sie schaffen es, Erwartungen zu wecken und Szenarien und Täuschungen zu verbreiten. Damit sind die amerikanischen Streitkräfte im Informationszeitalter angekommen."
Die "Spezial-Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit im Pentagon und in den Geheimdiensten" seien zu "Kombattanten im Informationskrieg" geworden, stellt der Autor weiter fest und könnte fast den Eindruck erwecken, als habe es bislang keine psychologische Kriegsführung gegeben und keine Beeinflussung von Journalisten in Kriegen. Während des Kuwaitkrieges von 1991 waren die Medien unter weltweitem Protest noch gegängelt und weitgehend ausgeschlossen worden, diesmal gab es eine wahre Flut von Informationen - etwa durch die "eingebetteten Journalisten". Aber der Autor schließt sich dem inzwischen weit verbreiteten Vorurteil an, dass dies ja doch alles nur wohlüberlegte Taktik der Amerikaner gewesen sei, die die Öffentlichkeit - selbst daheim - bewusst haben irreführen wollen.
Eine Taktik, die die Iraker auf ihre Art natürlich auch versucht haben: Korrespondenten wurden gezielt auf Themen angesetzt, die dem Regime opportun erschienen, und es waren nur die raschen Zerfallserscheinungen dieses Regimes und die unsäglichen Pressekonferenzen von Informationsminister Sahhaf, die diesen Versuch zum Scheitern verurteilten.
Kein Kriegstagebuch
Das vorliegende Buch ist das vierte eines deutschen Korrespondenten, der den Krieg über aus Bagdad berichtete. Ulrich Tilgner ließ sich vielleicht etwas länger Zeit, weil er mehr als die anderen Hintergründe recherchiert und darstellt. "Der inszenierte Krieg" ist denn auch kein weiteres Kriegstagebuch. Hierzu fehlt ihm einmal eine klare Chronologie, zum anderen aber werden hier viele Informationen zusammengetragen, die größtenteils nicht vom Autoren selbst während des Krieges gesammelt werden konnten. Der saß da ja weitgehend fest im Bagdader Journalisten-Hotel. Hintergründe aus dem Pentagon oder auch nur vom amerikanischen Hauptquartier in Doha sind deswegen Ergebnis einer gründlichen Nachlese, sie tragen aber nicht unbedingt zur Glaubwürdigkeit des Buches dar.
Die Stärke des Buches hingegen liegt in der Schilderung der Dinge, die der Autor in Bagdad selbst gesehen und erlebt hat, das er ja seit vielen Jahren gut kennt. Seine Gespräche mit alten Bekannten und auch mit ehemaligen Mitarbeitern des Saddam-Clans. Hier werden Einsichten gewährt, die man in den konkurrierenden Irak-Büchern nicht erhält. Zugegeben: Nur ein Teil des Gesamtbildes. Aber dieses zuverlässig und überzeugend darzustellen wäre für einen alleine ohnehin eine unmögliche Aufgabe.
Weitere Schlagzeilen
Das Buch Kompakt
- Ulrich Tilgner: Der inszenierte Krieg
- Verlag: Rowohlt, 2003
- ISBN: 3-87134-492-3
- Preis (EURO): 16.90







