Querschüsse

Er ist ein Querulant, ein Zyniker, ein Clown. Er macht Filme und schreibt Bücher. Er trägt seine Baseball-Kappe wahrscheinlich auch in der Badewanne und - ach ja: Er hat den Oscar gewonnen. Michael Moore - den der Spiegel als "Amerikas letzten Rebellen" adelte. Wochenlang stand seine Schimpfkanonade gegen die "Stupid White Men" ganz oben in den Bestsellerlisten. Jetzt wurde das Vorgängerbuch in Deutschland unter dem Titel "Querschüsse" veröffentlicht. Auch hier karikiert, kritisiert und beschimpft Michael Moore alles, was dem weißen konservativen US-Bürger heilig sein mag.

Da stehen an erster Stelle die Götter des Yuppie-Zeitalters, die Führer der großen Unternehmen, die in den seligen Boom-Zeiten der 1990er Jahre nicht nur ein Vermögen erscheffelten und die Aktienkurse raketenartig in die Höhe schießen ließen. Das - so Michael Moore - sei nur die halbe Wahrheit. Wahr sei auch, dass diese Zeiten der phantastischen Gewinne genutzt wurden, um Hunderttausende Angestellte zu entlassen. Für Moore ist dies ein terroristischer Akt. Ob jemand ein Gebäude mit einer Bombe in die Luft jagt oder ob jemand ein paar tausend Fabrikarbeiter entlässt, die Fabrik dann abreißt, um sie später an anderer Stelle wieder neu aufzubauen und neue Arbeiter für deutlich weniger Lohn einzustellen - das ist für ihn gleich.

Waschlappen und Feministenluder

Doch Michael Moore ist nicht nur der einfache Provokateur, der auf Oscar-Verleihungen gegen George W. Bush wettert. Er ist auch und in erster Linie Journalist - das heißt, er recherchiert gründlich. Und so erfährt man, dass von Seiten der amerikanischen Behörden gegen ein solches Vorgehen keinerlei Kritik geäußert wurde. Die Umzüge, die Tausende den Job kosteten, wurden vielmehr von der öffentlichen Hand gefördert.

Dass Michael Moore nicht nur ein Zyniker ist, dass er sogar Gefühle hat, zeigt das Kapitel über die Clintons. Moore gibt es ungern zu, aber zu Beginn von Clintons Amtszeit hatte er das Gefühl, das sich in den USA etwas positiv verändert. Doch er sah fassungslos zu, wie Clinton vor den Konservativen kuschte. Für Bill hatte Moore jetzt nur Verachtung übrig. Sein Fazit: "Was für ein Jammer. Was für eine Verschwendung. Was für ein Waschlappen." Bill fiel durch - aber es gibt ja noch Hillary. Dieses "verdammt heiße Feministenluder" werde "unser Land schon retten".

Amüsant und bitter

Neben harten Fakten und bösen Beschimpfungen ist Moores Buch voll mit allerlei Kuriositäten: So etwa mit der Erkenntnis, das der damalige Präsidentschafts-Kandidat Steve Forbes ein Außerirdischer sein soll oder mit der Forderung, Deutschland hätte Bayern an die Juden abtreten sollen. Außerdem besticht es durch den alten Satiriker-Trick, bestimmte Positionen dadurch lächerlich zu machen, dass man sie gnadenlos übertreibt: So schreibt Moore, er sei für die Anti-Abtreibungsbewegung, aber eigentlich sei doch auch ein Spermium schon Leben. Sein Schluss: Jeder Mann, der masturbiert, ist ein Mörder. Eine der besten Passagen ist diejenige, in der Moore einen Sprecher der radikalen Abtreibungsgegner anruft und von ihm tatsächlich bestätigt bekommt, dass an dieser Ansicht einiges dran sei.

"Querschüsse", erschien unter dem Titel "Downsize this" erstmals 1996 in den USA und das ist der gravierende Makel des Buchs. Für den normalen deutschen Durchschnittsleser ist das Amerika vor dem 11. September und vor Bush Juniors Amtzeit etwa so weit entfernt wie die D-Mark. Lange her, und man hat das dumpfe Gefühl, damals sei alles viel besser gewesen. Moore klärt auf, dass das Leben schon damals kein Zuckerschlecken war. Aber vom Piper-Verlag wäre es sicherlich besser gewesen, dieses amüsante und bittere Buch früher zu verlegen und nicht erst, als "Stupid White Men" ordentlich Kasse machte.

Martin Muno

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