Anna nicht vergessen

Auch in seinem ersten Erzählband schlägt Arno Geiger jenen zart melancholischen, mit hintersinnigem Humor angereicherten Tonfall an, den seine Fans schon an seinem Familienroman "Es geht uns gut" so geschätzt haben. Geiger berichtet von Durchschnitts-Losern und Pechvögeln aller Art, von Mauerblümchen, Abseitsstehern und unglücklich Liebenden, die vom Leben auf unspektakuläre, aber schmerzvolle Art und Weise gebeutelt werden.

Glück ist uninteressant

Da ist etwa die Alleinerzieherin, die sich in erbitterte Machtkämpfe mit ihrer sechsjährigen Tochter verstrickt und abends in einer obskuren Begleitagentur jobbt, die Ehemänner auf ihre Seitensprung-Resistenz testet. Da ist der Kinovorführer, der es nicht geschafft hat, sich in Berlin eine Existenz aufzubauen und kurz vor der Abreise noch eine Nacht bei einer zufällig aufgegabelten Kellnerin verbringt. Da ist der pensionierte Eisenbahner, dessen größtes Glück es einst war, als Auktionator am Wiener Südbahnhof in Zügen vergessene Gepäckstücke zu versteigern, der sich aber jetzt, nach dem Tod seiner Frau, in einer veritablen Depression verliert und selbst als Auktionskunde schäbige Koffer ersteigert.

Der österreichische Autor Arno GeigerBildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:  Der österreichische Autor Arno Geiger

Es ist das leise, das unspektakuläre Unglück, das Arno Geiger zu interessieren scheint. Über glückliche Menschen zu schreiben, so des Autors Credo, verlohne sich nicht: "Bei Homer heißt es: Die Götter haben den Menschen das Leid gegeben, daß sie davon erzählen können. Ein glückliches Leben ergibt interessanterweise keinen interessanten Roman und auch keinen interessanten Erzählband."

Alle Register werden gezogen

Beachtlich ist das Repertoire von Erzähltechniken, die Arno Geiger in seinem Geschichtenband durchdekliniert. Von der Rollenprosa bis zum inneren Monolog, vom Gedächtnisprotokoll bis zur Telefon-Litanei und zum auktorialen Erzählstil: Geiger zieht alle Register. Irritierend allerdings sind sprachliche Schlampereien dann und wann. Einmal heißt es: "Die Unterhaltung ging fast ausschließlich über Antonia." Das ist ebenso wenig Deutsch wie folgende, peinlich verunglückte Satz-Konstruktion: "In mechanischer Eile setzte er die zur Verfügung stehenden Türen ins Verhältnis zu Küche und Klo, über die er Bescheid wußte.“ Eine vergleichsweise schlichte Szene, die Geiger da beschreibt: Ein Klempner denkt darüber nach, hinter welcher Tür wohl das Badezimmer ist.

Sei’s drum. Der 39jährige Österreicher sieht sich, was das Genre der Erzählung betrifft, in einer dezidiert europäischen, weniger in einer US-amerikanischen Tradition: "Die Amerikaner können nichts, was nicht auch James Joyce schon vor hundert Jahren konnte." Da wedelt der Schwanz mit dem Hund, möchte man sagen. Auf jeden Fall: Arno Geiger hat hart gearbeitet an seinen Erzählungen, und das merkt man den geglückteren unter ihnen auch deutlich an: "Die Muse, die einem auf der Schulter sitzt und einem ins Ohr flötet - die gibt’s bei mir nicht. Und ich bezweifle, daß es sie bei meinen Kollegen gibt." […] Das ist mit ein Grund, warum’s halt doch immer unglaublich anstrengend ist."

Günter Kaindlstorfer

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