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15.05.2008

Fast unzertrennlich

Ein Knoten in einem Seil

Aus eins mach zwei und manchmal mehr – im Deutschen gibt es viele Wörter, die aus mehreren Wörtern zusammengesetzt sind. Manche von ihnen gehören zusammen. Eine Trennung ergibt einfach keinen Sinn mehr.

Tief im letzten Jahrhundert, weit vor Rechtschreibreform und PISA-Studie, gab es für die Schulkinder unter anderen folgende Rechtschreibregel: "S und T sind Schwesterlein, wollen nie geschieden sein." Oder: "Trenne nie das S vom T, denn es tut den beiden weh." Das bedeutete: Keine Silbentrennung nach S, wenn ein T folgt. Das klassische Beispiel hierfür war "Fenster". Dieses Wort, obwohl aus zwei Silben bestehend, durfte nicht getrennt werden. Heute darf das Wort getrennt werden.

 

Fatale Folgen

 

Trennungen haben es in sich. Wenn aus einem Wort zwei werden, kann oft das eine ohne das andere nichts anfangen, weil die vormals gemeinsame Bedeutung verloren geht. Nehmen wir das Wort "heimtückisch" und ein Anwendungsbeispiel: Überfälle werden oft als "heimtückisch" bezeichnet. Sie können auch "tückisch" sein, aber nie "heim". Klingt komisch, nicht wahr?

 

"Heim" ohne "tückisch" geht in diesem Fall nicht. Übrigens zählen einige Synonyme für "heimtückisch" ebenfalls zu den – fast – Unzertrennlichen. Als da sind "hinterhältig", "niederträchtig" oder auch "bösartig". "Bös" auf der einen, "artig" auf der anderen Seite; das sind getrennte Welten – was die Bedeutung angeht. Wenn "bös" und "artig" als Adjektiv verwendet werden, können diese beiden – jedes für sich allein – existieren. Aber "bösartig" ist eben "bösartig" und nicht "böse" und "artig"!

 

Weder wider noch spenstig

 

Unter den fast Unzertrennlichen gibt es einige, die im heutigen Sprachgebrauch immer seltener werden. Eines davon ist "widerborstig", das so gut wie gleichbedeutend ist mit dem ebenfalls selten gebrauchten "widerspenstig". Sich heftig gegen etwas sträuben, etwas unwillig und sehr deutlich abwehren, das ist "widerborstig". Es kann aber niemand nur "wider" oder nur "borstig" sein.

 

Auch nicht "spenstig". Höchstens "widerspenstig". Nahezu unmöglich ist es, ein Schwein oder gar einen Igel gegen die Borsten zu streicheln. Wer es einmal versucht, weiß in der Sekunde, was "widerborstig" bedeutet. Man mag ja kaum noch "ungestüm" als unzertrennliche Worteinheit anführen! Möglicherweise gibt es ja irgendwo ein "gestüm", von dem die deutsche Sprachwelt bisher einfach noch nichts weiß!

 

Hell und hörig

 

Schauen wir uns doch einmal das Wort "hellhörig" an. Da hätten wir als Synonym "schalldurchlässig" beziehungsweise "schlecht isoliert". Beispiel: Die Wohnung ist hellhörig. So. Eine "helle" Wohnung ist etwas gänzlich anderes; eine "hörige" Wohnung gibt es nicht.

 

Jetzt aber die übertragene Bedeutung von "hellhörig". Beispiel: Es wurde gemunkelt, dass die Firma in Schwierigkeiten sei. Das machte ihn "hellhörig". Sprich: Er achtete noch aufmerksamer als bisher auf das, was rings um ihn her vorging. "Hörige" Wohnungen gibt es nicht, wohl aber "hörige" Menschen. Allerdings hat dieses "hörig" weder etwas mit "hell" noch mit aufmerksam oder schlechter Isolierung zu tun. "Hörig" bedeutet abhängig, ausgeliefert. Wenn jemand jemandem hörig ist, so heißt das: Er oder sie ist ihm oder ihr emotional ausgeliefert und in gewisser Weise untrennbar verbunden.

 

Untrennbar verbunden

 

Das mag mancher "ungehörig" finden. Doch auch wenn man sich darüber aufregt, ändert man daran meist nichts.

 


 

Fragen zum Text

 

Jemand, der widerborstig ist, …

1.      hat sich nicht rasiert.

2.      ist nett und umgänglich.

3.      wehrt sich heftig gegen etwas.

 

Wenn etwas schlecht isoliert ist, …

1.      ist es dunkeltaub.

2.      ist es hellhörig.

3.      ist es farbenblind.

 

Jemand, der jemandem hörig ist, …

1.      kann nur bestimmte Geräusche hören.

2.      hat sehr gute Ohren.

3.      ist von jemandem sehr stark abhängig.

 

 

Arbeitsauftrag

Böse, artig, bösartig – einzeln haben die Wörter "bös" und "artig" eine andere Beutung als zusammengesetzt. Erklären Sie die einzelnen Bedeutungen der Wörter schriftlich.

Michael Utz

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