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29.06.2008

EURO 2008 - Guter Fußball, aber kein zweites Sommermärchen

Jubelnde Spanier nach dem Titelgewinn (AP Photo/Ronald Zak)

Mit dem zweiten Europameistertitel für Spanien ist in Wien die Fußball-Europameisterschaft in Österreich und in der Schweiz zu Ende gegangen. Und was haben wir nun für eine Fußball-EM gesehen?

Das war sie also, die 13. Fußball-Europameisterschaft. Und, nein, ein zweites Sommermärchen wie die WM 2006 war sie nicht. Das hat uns der Wettergott vermiest und das waren die kleinen Stadien schuld, die von vornherein weniger Fans in die beiden Länder gelockt haben. Vor allem aber haben die Österreicher und Schweizer nicht so mitgespielt wie die Deutschen vor zwei Jahren. Haben die Deutschen damals den Gästen aus aller Welt ihre Türen und Herzen geöffnet, so habe sich Österreicher und Schweizer diesmal eher in ihre vier Wände zurückgezogen und das ganze Spektakel mehr argwöhnisch als erfreut beobachtet. Fans fühlten sich denn auch nicht “zu Gast bei Freunden” wie 2006.

Guter, offensiver Fußball

Aber Fußball ist auf dem Platz, wie es in einer alten Fußballweisheit so schön heißt, und da haben wir ohne Zweifel die bisher beste Fußball-Europameisterschaft aller Zeiten erlebt. Feierte 2004 in Portugal noch die Defensive Triumphe, so war die EM 2008 wohl das offensivste internationale Turnier, das Fans jemals gesehen haben. Angreifen war die Devise. Wer nur darauf setzte, eine Partie nicht zu verlieren, wurde am Ende bestraft – allen voran die Griechen, der Europameister von 2004. Die Statistik weist aus, das es noch in keinem Turnier so viele Torchancen wie diesmal gegeben hat und auch die Torquote von 77 Treffern in 31 Spielen kann sich sehen lassen.


Wir haben überwiegend schönen und schnellen Fußball gesehen, der von wirklichen Teams dargeboten wurde. Natürlich hatten die Spitzenmannschaften alle ihre Stars, aber nur die gewinnen heute keine Partie mehr. Auch sie können nur glänzen, wenn Harmonie in der Mannschaft herrscht, sie als Ganzes funktioniert und sich somit als echte Einheit präsentiert. Damit setzte sich in Österreich und in der Schweiz ein Trend fort, der schon seit längerem zu beobachten ist. Und es war auch eine extrem faire EM mit nur ganz wenigen richtig bösen Szenen und lediglich drei Roten Karten, die zudem allesamt noch im Rahmen waren.

Viele Erkenntnisse

Andrej Arschawin (AP Photo/Frank Augstein)Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:  Andrej Arschawin (AP Photo/Frank Augstein)

Was haben wir noch gelernt? Der europäische Fußball befindet sich offensichtlich mitten in einem Generationenwechsel, die bekannten Altstars haben ihren Zenit überschritten, neue Namen tauchen auf – wie die Russen Arschawin und Pawljutschenko oder der Türke Nihat. Frühform schadet in einem Turnier offensichtlich nur, zwischendurch B-Teams auflaufen zu lassen rächt sich. Die Favoritenbürde ist sehr oft eine zu schwere Last. Und dass ein Spiel wirklich 90 – oder heute auch schon mal 120 – Minuten dauert, wie schon Sepp Herberger mahnte, machten vor allem die Türken vor.

Verlierer UEFA

So ein Turnier hat natürlich auch Verlierer. Und der größte Verlierer dieser EM ist neben dem Weltmeister und dem Vize-Weltmeister von 2006, Italien und Frankreich, in erster Linie die UEFA. Das mag angesichts eines Reingewinns von rund 700 Millionen Euro, den der Europäische Fußball-Verband eingefahren hat, paradox erscheinen. Doch es gibt einige dicke Kratzer im Lack.   


Natürlich kann die UEFA nichts für das Wetter, dass im Halbfinale zu dem überaus peinlichen Bild- und Tonausfall in aller Welt führte. Aber für das aberwitzige System, dass alle Leitungen über Wien laufen mussten und es zudem keine vernünftige Absicherung gab, dafür ist die UEFA schon verantwortlich. Auch dass die Rasenqualität nicht die beste war, vorher also offensichtlich nicht unter Extrembedingungen getestet worden ist, muss die UEFA auf ihre Kappe nehmen.


Joachim Löw wird des Feldes verwiesen(AP Photo/Frank Augstein)Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:  Joachim Löw wird des Feldes verwiesen(AP Photo/Frank Augstein)

Die Regulierungswut der UEFA schließlich verärgerte die Geschäftswelt in Österreich und in der Schweiz und gipfelte auf dem Fußballplatz in der völlig unsinnigen und schier unerträglichen Gängelung der Trainer bei der Betreuung ihrer Mannschaften am Spielfeldrand – die nicht zuletzt Bundestrainer Joachim Löw zu spüren bekam. Und schließlich fühlten sich auch die Fernsehzuschauer verschaukelt, die natürlich doch erfahren, dass die UEFA ihr unangenehme Bilder von einem Flitzer oder von illegalem Feuerwerk im Stadion, nicht ausstrahlen ließ.


Die 13. Fußball-EM ist Geschichte, Spieler und Fans in ganz Europa, besonders natürlich in Spanien, können nun feiern – nur bei der UEFA ist Nachsitzen und Nacharbeiten angesagt.


 

Wolfgang van Kann

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Wolfgang van Kann | www.dw-world.de | © Deutsche Welle.