Meinung
Kein Vorbild für Europa - 50 Jahre Gleichberechtigungsgesetz in Deutschland
Die Emanzipation der Frauen in Deutschland kommt voran "wie eine Schnecke auf Glatteis", sagte einst der große Sozialdemokrat Willy Brandt in den 70-er Jahren. Dabei hatte das Gleichstellungsgesetz, dass am 1. Juli 1958 in Kraft trat, doch genau das Gegenteil sicherstellen sollen. Trotz aller Erfolge, echte Geschlechtergerechtigkeit gib es bis heute nicht
Der politische Kampf um die Gleichstellung ist über 100 Jahre alt in Deutschland. Ihre berühmteste Aktivistin war Clara Zetkin, die Begründerin der Internationalen Frauenbewegung und des internationalen Frauentages am 8. März. Nur die gleichberechtigte Erwerbstätigkeit - die eigene wirtschaftliche Grundlage - so ihre These, werde auch zur Gleichberechtigung der Frauen führen.
Was dann 50 Jahre später, nach der Gleichstellung in der Verfassung der jungen Bundesrepublik geschah, war die folgerichtige Umsetzung der Gleichberechtigung in bürgerliches Recht.
Ein Schritt vor, zwei zurück
Für die Frauen war es eher ein bescheidener Schritt: Nachdem sie in zwei Weltkriegen in vielfacher Hinsicht das zivile Leben und den Wiederaufbau gemeistert hatten, waren sie in den 50-er Jahren zurück an den Herd verbannt worden. Der Haushaltsvorstand war männlich und ohne Unterschrift des Ehemannes konnte keine Ehefrau erwerbstätig sein. Das romantische Familienleitbild des 19. Jahrhunderts sollte Normalität in eine nicht normale Zeit bringen. Der Mann als Ernährer der Familie, die Frau als Hüterin des Hauses und der Kinder. Damit, so scheint es, verfestigte sich ein Rollenbild und die Arbeitsteilung in der deutschen Gesellschaft. Und die hörte mit dem Gesetz über die Gleichstellung am 1. Juli 1958 keineswegs auf.
Fortschritte nur auf dem Papier?
Zweifellos, seit der Frauenbewegung in den 70-er Jahren wurde diese Rollenverteilung Stück für Stück aufgegeben. Rein rethorisch ist die Gleichstellung in Deutschland längst erreicht. Gleichwohl erweist sich das einst geprägte Leitbild, vor allem im Arbeitsleben, heute weiterhin und sogar erneut als größtes Hindernis. Kinder, Überstunden und ständige Flexibilität für den Arbeitsort, womöglich noch Betreuung und Pflege für enge Angehörige, das passt nicht zusammen. Wieder sind es die Frauen, an denen die Familienarbeit hängen bleibt. Sie gelangen nur sehr selten in die Führungetagen der Wirtschaft, ihr Anteil an Top-Jobs ist unverändert marginal. Sogar insgesamt nehmen sie seit Jahren Stück für Stück weniger am Erwerbsleben teil und auf dem Gehaltszettel der Frauen die einen Job haben, steht durchschnittlich rund ein Viertel weniger als auf dem ihrer männlichen Kollegen. Kein Vorbild für Europa, denn damit liegt Deutschland inzwischen auf dem viertletzten Platz.
Eine Bundeskanzlerin macht noch keine Gleichberechtigung
Das Berufsleben so scheint es, ist die letzte Bastion vieler Männer in Deutschland, um ihr Privileg auf Macht und Einfluß, auf Einkommen und Karriere zu verteidigen. Junge Väter die sich durch Elternurlaub an der Erziehung ihrer Kinder beteiligen wollen, können vielfach ein Lied davon singen: Kaum ein Chef der das gerne sieht - es schadet der Karriere, genau wie bei den Frauen.
Da nutzt auch keine Bundeskanzlerin, die wie viele Regierungen vor ihr, kein Politikkonzept für einen konsequenten sozialen Wandel zur wirklichen Gleichstellung von Mann und Frau vorgelegt hat. Da fehlt ihr der Mut eines spanischen Ministerpräsidenten Zapatero, der nicht nur mit einem modernen Frauengleichstellungsgesetz bei den Wahlen punktete, sondern auch eine schwangere Frau zur Verteidigungsministerin und mehr Gleichstellung zum Programm machte. Und es fehlt ihr die Konsequenz einer norwegischen Regierung, die eine Frauenquote für börsennotierte Unternehmen verordnete und damit Stück für Stück die Männerhierarchien verändert.
Die Mehrheit der Wähler in Deutschland, so scheint es, ist da offenbar weiter. Rund 80 Prozent gaben kürzlich in einer Umfrage an, dass die Gleichstellung sich insgesamt positiv auf die deutsche Geselllschaft ausgewirkt habe. Glauben wollen das vor allem die nicht, die zukünftig ihre patriarchalen Privilegien teilen müßten. Dabei könnten auch sie gewinnen: Eine wirklich gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft wäre eine gute Investition in die Zukunft.
Ulrike Mast-Kirschning | www.dw-world.de | © Deutsche Welle.