Meinung
Komm heimwärts, Politik!
Warum die Menschen sich schlechter fühlen, als es ihnen geht
Der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth hat in seiner Amtszeit über die deutsche Tendenz zur Mäkelei einmal gesagt, seine Landsleute hätten sich angewöhnt, auf hohem Niveau zu leiden. Er beschrieb damit einen Zustand, an dem sich auch fast 20 Jahre später nicht viel geändert hat. Ganz im Gegenteil: In immer neuen Umfragen bekunden die Deutschen Demokratie- und Systemverdrossenheit. Sie beklagen wachsendes soziales Ungleichgewicht und Verteilungsungerechtigkeit. Und die Europäische Union ist ihnen sowieso ziemlich egal. Wenn es in der Bundesrepublik eine Volksabstimmung über den Vertrag von Lissabon gegeben hätte, wäre er vermutlich auch bei uns mit Pauken und Trompeten durchgerasselt.
Gefühlte Schieflage
Dieser auch in vielen Gesprächen hörbare Missmut steht in einem merkwürdigen Kontrast zur tatsächlichen Lage in Deutschland. Natürlich gibt es eine, freilich importierte, Inflationsrate, die die bescheidenen Lohnzuwächse auffrisst. Natürlich machen exorbitante und durch keine Leistung zu rechtfertigende Managergehälter Menschen wütend, denen eine vierprozentige Gehaltssteigerung als überhöht vorgerechnet wird. Aber dem steht doch einiges entgegen: Sowohl das deutsche Gesundheitswesen als auch das soziale Netz in diesem Land sind im europäischen Vergleich immer noch beispielhaft. Die Jugendarbeitslosigkeit ist in vielen EU-Staaten deutlich höher als bei uns, die verhassten Agenda-2010-Reformen haben unstrittig mit zu einem starken Anstieg der Beschäftigung geführt und der ungeliebte Euro hat die schlimmsten Auswirkungen der Energieverteuerung von uns fern gehalten, wenn auch der durchschlagende Rest – zugegeben – schmerzhaft genug ist.
Tiefsitzende Skepsis
Die Demoskopen stellen, vor allem in Ostdeutschland, eine immer stärkere Disparität fest. Während die Befragten die wirtschaftliche Gesamtsituation negativ bewerten, sehen sie ihre persönliche ökonomische Lage eher positiv. Dabei müsste doch eigentlich die Summe der Einzelmeinungen ein dem individuellen Urteil entsprechendes Gesamtbild ergeben. Warum sind die Deutschen so skeptisch?
Sie sind es zwar in besonderem Maße, aber sie sind es nicht mehr alleine. Das hat sich seit Lothar Späths aktiver Zeit geändert. Aus anderen EU-Staaten kommen ähnliche Stimmungsmeldungen. Wer näher hinsieht, stellt fest, dass die Menschen sich vor allem den Stürmen der globalen Wirtschaft relativ schutzlos ausgesetzt fühlen. Die Konkurrenz billigerer. ausländischer Arbeitskräfte wird genauso als bedrohlich empfunden wie die Abwanderung alteingesessener Unternehmen an billigere Produktionsstandorte. Und während die Politik vollmundig so tut, als könne sie die Bürger vor all dem bewahren, spüren die ganz genau, dass es diesen geschützten Sektor des guten, alten Europa nicht mehr gibt. Und da Politiker in allen EU-Ländern zur eher gut verdienenden Kaste mit relativ sicheren Arbeitsplätzen gehören, können sie die Nöte, die echten und die gefühlten, im "gemeinen" Volk überhaupt nicht nachempfinden.
Was uns das sagt? Dass die Politik wieder zu den Menschen zurückkommen muss, herunter von den Hügeln der vermeintlichen Weisheit in jene Ebene, von der Max Weber einmal sagte, dies sei die Landschaft der eigentlichen Mühen.
Gerd Appenzeller/Berliner Tagesspiegel | www.dw-world.de | © Deutsche Welle.